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Posts Tagged ‘Fritz J. Raddatz’

Stumm und verstört am Rand

Januar 21, 2017 3 Kommentare
Als wär’s ein Stück von ihr – Siri Hustvedt

Als wär’s ein Stück von ihr – Siri Hustvedt

Das neue Jahr ist schon alt. Fast schon zu spät, um noch einen letzten Blick auf den Aufbau-Literaturkalender 2016 zu werfen. Vorne drauf Siri Hustvedt, die blonde Frau Paul Austers, norwegischer Herkunft, ich habe noch immer kein Buch von ihr gelesen, obwohl zwei im Regal stehen, nur ein Interview, in dem sie etwas zu oft zu ihren eigenen Bemerkungen lachte, was mich stutzig machte, ist aber vielleicht auch blöd vom Interviewer, immer zu notieren: … (lacht). Das will ich gar nicht wissen. In der 1. Woche Franz Hessel, der Vater aller deutschen Flaneure, Spazieren in Berlin, Spazieren in Paris, er sieht fast aus wie ein tibetanischer Mönch, kurz geschorene Haare, weiße Kleidung, einen Strohhut auf dem Knie abgelegt. „Langsam durch belebte Straßen gehen, ist ein besonderes Vergnügen.” Im Februar Thomas Bernhard, die Abbildung ein Composing nach einem Foto, das Gesicht des Dichters resoluter als im Realen. Ich las „Wittgensteins Neffe”, und Verheugen fragte mich, wie es mir gefiel. Gut, sagte ich, schön nacherzähltes Leben, aber was ist daran Kunst? Da wurde er fuchsteufelswild, Verheugen. Die großen entrückten Augen Inge Müllers, die den Freitod wählte, Spätfolge vielleicht eines dreitägigen Verschüttetseins nach einem Bombenangriff. Harper Lee auf einem Liegestuhl auf einer Terrasse in Monroeville. Die Zigarette in der Linken, sportlich sieht sie trotzdem aus. Mit dem Welterfolg von „Wer die Nachtigall stört” trat sie in die Literatur ein, und ihr Gesicht scheint zu fragen, warum danach nichts mehr ging. Eine Seltenheit ist ein Bild von Margarete Steffin, eine Geliebte und Mitarbeiterin Brechts, mit dessen Familie sie 1933 emigrierte. Brecht ließ sie mit einer Tuberkuloseerkrankung in Moskau zurück, während er weiterzog nach Amerika. Sie starb 1941. Man möchte es nicht wahrhaben. Das Bild zeigt ein unwiderstehliches Lächeln, die Hände in einer unentschiedenen Bewegung, die kurze karierte Jacke, alles sieht so nach Zukunft aus. Elizabeth von Armin, die Gartenschriftstellerin, gewiss nicht uneitel vor dem Spiegel. Um den Spiegel herum sind Hundebilder platziert, ihr Kleid (oder Morgenrock) ist mit Blumen verziert, mit Männern hatte sie kein Glück. Fritz J. Raddatz in einer der von ihm geliebten hochanimierten Posen, er dachte, sprach, schrieb schneller als alle anderen, hielt sich darauf viel zu Gute und war – sein zweites Tagebuch zeigt es – in seinen letzten Jahren bestürzend desillusioniert. Das Kindergesicht von Marina Zwetajewa unter einer voluminösen Pelzmütze. Das steht ein schöner und schmerzlicher Satz unter dem Bild: „Ihre Liebe zu Frauen und Männern war auch im Verzicht maßlos.” Arthur Rimbaud auf einer Zeichnung von Paul Verlaine, eine Pfeife mit langem Schaft und kleinem Kopf rauchend, noch in der Versonnenheit rebellisch, vor ihm aufgereiht Tassen, Gläser, Flaschen und Buchstabenkolonnen. Am Ende des Jahres dann Robert Walser, der Dichter, den man 1956 tot auf verschneiten Wegen fand in der Nähe der Heilanstalt Herisau, deren Patient er war. Walser war nicht wie Hessel Flaneur, sondern Wanderer oder besser Fußgänger. Einmal war er die Strecke zu einer Lesung um die acht Stunden zu Fuß gegangen. Er kam völlig erschöpft und derangiert am Veranstaltungsort an. Ein anderer musste Walsers Texte lesen. Walser saß stumm und verstört am Rand.

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Und nun noch was: Am Ende des Jahres 2016 erinnerte man noch einmal an die großen Toten, die im Verlauf des Jahres gestorben waren. Es ist so zufällig wie zwangsläufig, dass der Name Hermann Kant dabei kein einziges Mal erwähnt wurde. Kant war im Juni 90 Jahre alt geworden. Der Aufbau-Verlag richtete in Neustrelitz eine Ehrung für seinen Autor aus. Da kamen viele Leute, die Kant zu danken wussten, auch wenn er oder gerade weil er bekennender Sozialist und Exponent der DDR war. Bald darauf starb Hermann Kant. Unter den Nachrufen konnte man auch diesen von Wolfgang Thierse lesen: „Die gut lesbare ›Aula‹ und der ernsthafte ›Aufenthalt” – das sind wichtige Bücher des Autors Kant, ansonsten viel oberflächliches, eitles und apologisches Geplauder. Der Funktionär Kant bleibt mir in unangenehmster Erinnerung als brutal und verlogen und bis zum Schluss zu wirklich selbstkritischer Einsicht weder fähig noch willens.”

Mir wurde übel. So nennt man das also, wenn jemand bei seiner Haltung bleibt, auch wenn der Wind sich gedreht hat. So hört sich das an, wenn Mittelmaß sich über Größe erhebt. Hermann Kant war sicher auch ein harter Mann. Er war nach der Wende in sich gegangen, ohne Lärm zu machen. Zog sich zurück nach Prälank in Mecklenburg, in einen Bungalow, der im Winter einfach nicht warm zu kriegen war. Er hörte nicht auf zu schreiben. Was auch immer er falsch gemacht haben mag im Leben, durch das niemand kommt ohne Schuld – er hörte nicht auf zu kämpfen. Und das ist Größe. Davon wissen die Thierses dieser Welt nichts.

 

Tagesnotizen des Rückkehrers

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Im April 1950 ist Anders an Bord eines Überseedampfers. Der Emigrant auf dem Rückweg. „Mir scheint, seit Jahren hatte ich daran gezweifelt, dass Europa noch da ist … Das heißt also Nachhausekommen: weit hinter sich die Leichen der Eltern zurücklassen; im Schutt einer Stadt stochern, die man niemals gesehen hatte … Und doch ist man zuhause.” Die Stationen sind Southampton, Paris, Zürich und endlich Wien. Die ersten Eindrücke: das Dekorative der Ruinen (…die Ruinen „sind pathetisch nur dann, wenn sie von einer Welt Zeugnis ablegen, die als ganze verloren ist”). Das Deutsch, das er spricht, nachdem er zehn Jahre englisch sprach, ist überholt und altmodisch. Die Leute sehen ihn an, als spräche er in Versen. Die Wiener werden argwöhnisch, wenn er ihnen sagt, dass London oder Rotterdam viel stärker zerstört sind als ihre Stadt. Nur die Zerstörung des Eigenen gilt etwas, keine Empathie für die anderen.

1953 Reise durch Deutschland. „Wenn es zerfällt, wird auch das Erbärmliche bedeutend …”, sieht er in Köln. Acht Jahre nach Kriegsende hat er in Berlin das Gefühl, nur den Stadtplan zu durchwandern, nicht die Stadt.

1958 besucht Anders die Stätten der ersten Atombombenabwürfe Nagasaki und Hiroshima, er setzt sich dem aus. Für ihn hat hier die ›Abschaffung des Krieges‹ stattgefunden für etwas, das „ungleich furchtbarer ist als der Krieg”: die „Vertilgung”. Das ist die Aktion, „die grundsätzlich auf keinen Widerstand mehr rechnet.”. Anders scheut sich nicht, die Schrecken aufzuzählen, die hier dokumentiert sind, um immer wieder zu sagen: genug davon! Und sich sogleich wieder und wieder ins Wort zu fallen: nein, nicht genug! „Denn Entrinnen ist dir nicht gegönnt.”

Rom sehen. Das war der Traum des Sechzehnjährigen. Nun, mit 56 Jahren, erfüllt sich Anders den Traum und stellt fest: zu spät. „Sinnlos, die Steine anzurühren.” Der erwartete Zauber stellt sich nicht ein. „Versäumt bleibt versäumt … Erst Hunger ohne Speise, und nun Speise ohne Hunger.” Er ist kein Mann, der einer Illusion noch eine Chance gäbe, er nimmt die Entzauberung hin, ohne zu zucken; er will Erkenntnisse, er kommt zu Erkenntnissen.

Wie sowas enden kann: Fritz J. Raddatz hat es in seinen Tagebüchern erzählt. Er sucht Anders in Wien auf, sieht die unbeschreiblich ärmliche Wohnung, die dreckige Küche voller Reste geronnener Speisen, die arthritisch verformten Hände, den ungebrochenen Stolz: Sein Freund Hans Jonas „bekommt die Preise für die Bücher, die ich geschrieben habe.” Das ist 1988, vier Jahre, bevor Anders, neunzigjährig, in Wien stirbt.

Wie man sich täuschen kann

2002 – 2012 auf dem Weg zur Redlichkeit

Ich dachte gar nicht daran, den zweiten Band der Tagebücher von Fritz J. Raddatz (Rowohlt Verlag) zu lesen, schon gar nicht habe ich daran gedacht, Geld dafür hinzulegen. Es geht um die Jahre 2002 – 2012. Ich hatte den ersten Band mit einem voyeuristischen Interesse und einer Verwunderung darüber konsumiert, wie sich jemand immer wieder selbst ins Knie schießen kann, ohne es selbst zu merken. Mein Freund Verheugen hat mich stark gerügt, weil ich in diesem ersten Band ständig eben solche Stellen (leicht mit Bleistift) angestrichen habe und nicht die bedeutenden, schönen Passagen. Verheugen war von Raddatz begeistert, hat ihn schon immer geschätzt („eine schillernde Persönlichkeit”) und hat sich gleich weitere Bücher des Autors gekauft und sofort verschlungen.

Ich bin nicht uneinsichtig. Ich revidiere mich, und ich revidiere mich gern, wenn es zum Guten eines anderen Menschen ist. Ich habe den zweiten Band der Tagebücher gelesen und bin nicht nur beeindruckt, sondern betroffen. Am Anfang des Bandes ist Raddatz 71, und er spürt das Alter. Er spürt es von Jahr zu Jahr mehr. Der Lack ist ab, was für jemanden, der sich auch gern mal als Dandy verkaufte, schwerer ins Gewicht fällt als für andere. Die menschlichen Enttäuschungen mehren sich, die Leere um ihn wird verschlingender. Raddatz verliert Freunde, einmal durch den Tod, dann aber auch Unstimmigkeiten und Streit. Letztlich hat Raddatz keine seiner Anekdoten als üble Nachrede geplant, aber sie wurden doch so aufgefasst. Na ja, denkt Raddatz, was hat man nicht alles über mich erzählt; warum soll ich denn diese Geschichten für mich behalten.

Er stellt fest, dass er sich nicht mehr begeistern kann, nicht an seinen geliebten Blumen, nicht an den Kunstwerken, die er in seinem Leben zusammengetragen hat. Was ist wirklich geschehen in seinem Leben; was hat er phantasiert? Es war doch so, dass er viele bedeutende und mächtige Leute beeindruckt hat. Er kann sie alle aufzählen. Seine Einfälle, seine Schnelligkeit! Aber immer war es so, dass er nicht halten konnte, was diese Leute sich von ihm versprochen haben. Seine Schuld? Wer protestiert denn, wenn er überschätzt wird. Und wie soll er denn auch protestieren, wenn er gar nicht mitbekommt, dass er überschätzt wird.

Raddatz’ Urteile über seine Zeitgenossen werden immer klarer und treffender. Er trauert um die Leute, die nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Er sieht, das trifft auch ihn. Er spürt, wie die Alten und Kranken aus jener strahlenden Schicht herausgedrängt werden, die ihm einmal so viel bedeutet hat. Jetzt nicht mehr. Raddatz beschreibt an sich einen Mann, der seine Illusionen verloren hat. Alle. Was geschieht mit uns, wenn wir uns die Welt nicht mehr schön reden können, nicht mal ein bisschen? Was bleibt von mir, fragt Raddatz immer wieder. Und wenn er am Anfang noch sucht, was das sein könnte, antwortet er schließlich: nichts. In Großbuchstaben. Was man am wenigsten von ihm erwartet hat: Er hinterlässt ein Dokument der Redlichkeit. Eindrucksvoll. Bewegend.

Tote kennen keinen Schmerz

Finsternis. Die Musik packt ein

Finsternis. Die Musik packt ein

Im Traum habe ich Fritz J. Raddatz zu interviewen. Ich weiß zwar, dass er gestorben ist, aber auf solche Details nimmt ein Traum keine Rücksicht. Ich sehe ihn in einem Anzug, den er für elegant, und mit einem Betragen, das er für vornehm hält. Wie wird er mir begegnen? Weiß er, dass ich gelegentlich eine spöttische Bemerkung über ihn gemacht und mich über seine menschlichen Schwächen, von denen Eitelkeit noch die geringste ist, mokiert habe? Es ist sowieso keine große Sache, findet in den unteren, wenn nicht gar Kellerräumen des Kulturbunds statt. Ich muss mir noch einen Stuhl besorgen und stelle fest, dass alle Stühle, die ich hier sehe, keine Sitzfläche und nur zwei Beine haben, aber keinesfalls umfallen. Irgendwann finde ich noch eine andere Sorte Stühle, auf denen man wahrscheinlich sitzen kann, auch wenn sie recht gerümpelhaft wirken, ich schleppe mehrere Stühle heran, auch Raddatz und andere Beteiligte haben keine Sitzgelegenheit. Ich bin völlig unvorbereitet und nehme mir vor, das Gespräch locker improvisiert und unvoreingenommen gegenüber Raddatz zu führen, der ja, seitdem er tot ist, nur noch bewundert wird. Schon fallen mir die ersten Fragen ein, da kippt Raddatz mit einem dieser blöden Stühle hinterrücks um, überschlägt sich förmlich, steckt den Sturz aber mannhaft weg; Tote kennen keinen Schmerz. Nun betritt Heini Steiger aus meiner mecklenburgischen Heimatstadt den Raum, der war und ist der rotbackigste Mensch, den ich je in meinem Leben gesehen habe und macht dementsprechend Eindruck mit seiner norddeutschen Frische. Er ist zufällig in Berlin. Bist du morgen auch noch da?, frage ich. Ja, sagt er. Wollen wir uns dann noch mal sehen? Nein, antwortet er fröhlich und alle sind begeistert wegen seiner volkstümlichen Art. Und plötzlich ist auch das Interview vergessen. Das ging ja zum Glück mal wieder aus wie das Hornberger Schießen.

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Gedicht und Schuh

© Fritz-Jochen Kopka

Verkooft jetzt Schuhe in Berlin-Mitte. Und was wird mit den Literaturpreisen?

Hans Sachs war Schuh-/Macher und Poet dazu. Da sehen wir eine Traditionslinie. Durs Grünbein war Poet und ist nun auch noch Schuhverkäufer. Wie gleichen sich ein Gedicht und ein Schuh? Das eine besteht aus Worten, das andere aus Leder und Gummi. William Carlos Williams sagte: „Ein Gedicht ist eine kleine (oder große) Maschine, hergestellt aus Worten. Nichts an einem Gedicht ist sentimentaler Natur; damit will ich sagen: es darf sowenig wie irgendeine andere Maschine überflüssige Teile enthalten. Seine Bewegung ist eine Erscheinung eher physikalischer als literarischer Art.”

Okay, Maschine, Schuh. Der Unterschied zwischen Gedicht und Schuh ist, dass der Schuh nur als Paar funktioniert. Das Gedicht geht eher barfuß.

Das ist der unernste Aspekt der Sache, es gibt auch einen halbernsten. Der heißt „Koloss im Nebel” , neuer Gedichtband von Durs Grünbein, besprochen von Fritz J. Raddatz in der „Welt”, deren Buchbeilage „Literarische Welt” sich, ganz schön lächerlich, im Untertitel „Ein Journal für das literarische Geschehen” nennt. Raddatz versteht nicht viel von Gedichten und Eisenbahnen, deshalb muss er, wenn er von Gedichten spricht, zu einer Grundsatzdiskussion ausholen und die lautet: „Die Deutschen lieben ihre selbstfabrizierten Mythen, lauwarm weichgespült mögen sie bitte nicht von den kühlen Wassern der Vernunft gereinigt werden.” Raddatz nennt als Beispiele dieser deutschen Mythen Neo Rauch, Helmut Schmidt, Robert Gernhardt, Theodor Heuss – seiner Meinung nach alles Nieten oder Schurken oder beides, aber vom ungebildeten deutschen Volk heiß geliebt. Es sollte doch lieber Fritz J. Raddatz lieben, das deutsche Volk, da wäre es an der richtigen Adresse, bei diesem notorischen Selbstüberschätzer, üblem Nachredner und Jammerläppchen. Okay. Was hat das mit Durs Grünbein zu tun? Er gehört nach Raddatz’ Meinung auch zu diesen hochverehrten Nieten. Die PR nenne ihn: „eine der markantesten Stimme deutscher Dichtung unserer Zeit”.  Was weder für noch gegen den Dichter spricht. Ähnliches sagen doch alle Verlage von allen ihren Dichtern, weil sie denken, ein Buch verkaufe sich schlecht, wenn man nicht auf die Pauke haut. Raddatz hat offensichtlich davon gehört, dass das Wesen des Gedichts das Geheimnis sei, der sakrale Innenraum, den das Gedicht umschließt wie eine Frucht ihren Kern. Mag sein, dass daran etwas ist, wenn man es weniger parfürmiert ausdrückte. Raddatz zitiert, um etwas bodenständiger zu werden, Walter Benjamin, wie er überhaupt ständig zitiert, weil ihm selbst die Argumente fehlen, um es mit Buch und Autor aufzunehmen, er braucht Enzensberger und was der über Benn sagte, er braucht Osterkamp und die SZ. Grünbein aber wirft er sein Bildungsrenommee, die Belehrungssucht vor. Da sieht dann wohl jemand den Balken im eigenen Auge nicht. Und mit den aus dem Kontext herausgenommen Verszitaten Grünbeins vermag Raddatz natürlich nichts zu beweisen, außer, dass er unfähig ist, mit seinen selbst erklärten Weisheiten umzugehen, zum Beispiel der von der Geheimnishaftigkeit des Gedichts. In diesem Sinn sagt das Zitat über das Gedicht überhaupt nichts aus. Was genau ist mit Grünbein passiert, fragt Raddatz, und das genau kann er nicht beantworten. Er redet abermals von dem übermittelten „Bildungsplissee” und schließlich von einer angemaßten Omnipotenz. Grünbein kann zu allem und jedem ein Gedicht herstellen. Da erklärt der Verlag schon besser, wenn er uns mitteilt, dass Grünbein sich seinen Gegenständen in konzentrischen Kreisen nähere. Womit ein Dichter, wenn er älter wird, vielleicht auch wieder aufhören kann. Oder wird das mit dem Alter eher schlimmer?

Gegen Grünbein spricht allerdings der Umfang des Buchs. 200 Seiten für einen Gedichtband, meine Güte. 80 Seiten sind in Ordnung, aber 200? Ein Gedicht ist leider viel schneller gemacht als ein Schuh.