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Posts Tagged ‘Eurovision Song Contest’

Ein Wort, ein Wort zum Song Contest

Der rettende Pfeil zeigt leider nach unten
© Klaus

Nicht, dass man da länger zusehen könnte, es sei denn, man befindet sich in einer Gruppe von fünf bis zehn Leuten, in der jeder den anderen mit seinen Einfällen beim Zusehen übertrifft, aber wo soll man so viele Zyniker hernehmen.

Ich hatte nach dem deutschen Vorentscheid keinen schlechten Eindruck von Levina, wenn mich auch die Scheindemokratie des ausführenden NDR störte, alle Entscheidungen den Leuten zu überlassen, um selbst keine Verantwortung zu tragen, denn die grundsätzliche Entscheidung, wer da überhaupt mitkrähen durfte, haben sie ja doch da getroffen, beim Sender.

Also, ich fand Levina nicht schlecht, aber die Performance jetzt in Kiew hat mich sofort verstört. Da stand ein überglückliches Kind aus dem Wirtschaftswunderland und erzählte den Menschen aus den eher unglücklichen Nationen etwas vom perfekten Leben. Wir stehen doch ohnehin im Verdacht, dass wir die Großmeister des Glücks sind und die anderen Länder unentwegt belehren müssten, ohne dass denen das je etwas gebracht hätte. Und da stand nun diese junge Frau, der man wahrscheinlich gesagt hatte, sie solle nicht hundert, sondern tausend Prozent geben, völlig verkrampft vor überschäumender Freude. Das war kein Song, das war ein Reklamespot für das schier Unerreichbare, das wir Deutschen jedoch haben.

Beim Vorausscheid fand ich Levinas asymmetrische Gestik reizvoll. Aber hier musste sie das Mikro in der rechten Hand halten, und damit war auch dieser aparte Nebeneffekt futsch. Ja, und dann wurde die Veranstaltung natürlich im Liveticker von den deutschen Medien begleitet, und kaum war klar, das dies nun wieder ein Begräbnis erster Klasse würde, machte sich der deutsche Selbsthass in primitivem Spott breit. Wenn nicht mindestens Top five, dann am besten null Punkte. Aber es wurden ihrer sechs. Nicht mal das hat geklappt.

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Viel Lärm um eigentlich nichts

Wer hat gestern noch gewonnen beim ESC? Conchita Wurst. Der Österreicherin in Anführungsstrichen mit dem Bart. Ist alles Wurst oder Wurscht – das wurde des Öfteren gesagt und getwittert. Der Song war volles Pathos, Festivalsound. Warum hat Conchita gesiegt und das auch noch so eindeutig? Wer kann das wissen. Das Schlagereuropa rühmt sich seiner Toleranz. Will nach den Länder- auch die Geschlechtergrenzen überwinden. Und in der Schlagerwelt den Alltag, das normale Leben, die Routine vergessen. Conchita ist ein Fabelwesen aus Fleisch und Blut, nahe am Mythos. Die ehrlich Ergriffene musste gestützt und gelenkt werden, als sie zum Triumphgesang auf die Bühne ging, aber da, beim Singen, war sie wieder voll da.

Wenn man von den Schlagern ausgehen will, muss man sagen, dass Europa wohl auf dem falschen Weg ist. Diese krampfhafte Suche nach Einfällen, Sidekicks, Nebengeräuschen, die mit der Sache nichts zu tun haben von Trapezen über  Männerballette zu Butterfässern. Diese gepumpte Leidenschaft, die triefende Melancholie, die hysterischen Zuckungen, diese Selbstverliebtheit, die höchst unglaubwürdig ist. Und fast alle sind sie Kopisten, jeder kopiert irgendwen. Von diesen Liedern wird nichts bleiben, die werden nicht irgendwann Oldies but Goldies sein. Die Schlagerweisen aus den deutschen Medien gaben The Common Linnets aus den Niederlanden mit „Calm after the Storm” keine Chance, weil man Countrymusik hier nicht schätze. Aber es zeigte sich, dass die Genres unwichtig sind, wenn der Song und die Präsentation stimmen, und das war hier so. Die schlichten Niederländer wurden zweite.

Deutschland, Elaiza, landete wieder mal im letzten Drittel. Kann man auch fragen warum. Das sind drei begabte Mädchen, lustig, romantisch, noch ganz entzückt von ihrem unerwarteten Erfolg im nationalen Wettbewerb, der Song hatte Schwung, war aber vielleicht ein wenig harmlos, wie das meiste eben auf diesem Eurovision Song Contest in Kopenhagen. Was ist eigentlich aus den großen Schlagerländern geworden: United Kingdom, Frankreich, Italien, Spanien. Sie spielen keine Rolle mehr. Frankreich wurde mit zwei Pünktchen regelrecht abgestraft für seine bunte Deppennummer. Respekt für die diskrete Kamera, die sich nicht an der Enttäuschung der Abgeschlagenen im Sängerlager weidete.

Der Star hinter den Styles

Man ist Patriot, kein Chauvinist, schlechtes Abschneiden deutscher Wettbewerber kann schmerzen oder auch nicht, aber die peinlichen 18 Punkte für die Pop-Reckin Natalie Horler und Cascada beim European Song Contest sind allzu kläglich. Oder ein Abbild der Untiefen europäischer Demokratie. So schlecht war der Song nicht, hatte drive, war auch nicht allzu simpel, aber vielleicht hatte Cascada genau das gebracht, was man von Deutschland erwartete, Dominanz, Selbstgefälligkeit, Unbeirrbarkeit, und damit kann man zur Zeit nicht gut ankommen. Überschäumendes Triumphgeheul einer Herrenmenschin, die herausschreit, wie happy man hierzulande ist, während wir vermeintlich dazu beigetragen haben, dass es den anderen schlecht geht. So erklär ich mir diesen grandiosen Misserfolg mit einem Platz im letzten Drittel des Feldes. Wäre besser gewesen, wenn wir etwas undeutscher dahergekommen wären, aber wir, beziehungsweise die, die sich dafür interessieren, haben – deutsche Demokratie – eben so abgestimmt. Schon damals, nach dem deutschen Ausscheid, war klar: Der Sieger wird leiden müssen.

Und er ist ja, der ESC, früher Grand Prix, nur ein großes Spiel des großen Geldes und des kleinkarierten Geistes. Kaum nachvollziehbar, bei welchem Show-Act sich die Stimmen sammeln und bei welchem sie sich verweigern. Nachbarschaften spielen des Öfteren eine bemerkenswert positive Rolle, bei uns Germans merkwürdigerweise eben nicht. Dieses Jahr konnten wir, wenn wir wollten, beobachten, dass der Star hinter Styles, Choreographien, Inszenierungen, Raumauflösungen als Mensch verschwindet und zum technischen Objekt erstarrt, wie sehr er auch tanzt oder zappelt. Der Ungar Alex Márta war ein Gegenbeispiel, die Niederländerin Anouk, der Malteser Gianluca Bezzina waren als fühlende und zweifelnde Menschen erkennbar, die Griechen hatten eine grandiose, heitere, selbstironische Nummer, der rumänisch-dämonische Countertenor war nicht von schlechten Eltern, sogar Emmelie de Forest, die Siegerin aus Dänemark, von einer Trommlergarde unterstützt, kam einem menschlich ein Stück nahe, die Ukrainerin Zlata Ognewitsch wurde von einem Jura studierenden Riesen (2,34 m) auf die Bühne getragen und konnte mit ihrem linken Arm, der einer Schlange glich, Eindruck machen, und das Team aus Aserbaidshan überraschte mit einer ausgeklügelten, puristischen Inszenierung auf engem Raum. Immer gut, wenn die Inszenierung, die Effekte nicht sich selbst genügten, sondern eine Geschichte erzählten. Kann man daraus etwas lernen? Man wird es eher vergessen. Ein Jahr kann sehr lang sein.

Das Unglück zu siegen

Ich habe nur den Schnelldurchlauf des deutschen Ausscheids für den Song Contest gesehen (über mehr Nerven verfüge ich nicht). Da war schon klar, dass nach dem Triumph der Spott folgen wird, das ist nicht nur so, wenn man mit Korsage, Miniröckchen und Tüllgardine antritt wie Natalie Horler und Cascada. Das muss sogar so sein, wenn die Sidekicks wichtiger sind als das Eigentliche, der Song. Es war vom Dancefloorkracher die Rede, vom bulettenbratenden Vollweib, von einer Mischung aus Brunhilde und Annette Schavan, vom Kampfweib – zu viel der Mühe, solche Abservierungen fallen nicht zu Unrecht auf die Urheber zurück. Noch mehr Spott musste der Kameramann ertragen, der versuchte, irgendwie unter das Röckchen der Sängerin zu gelangen und dabei doch anständig zu bleiben. Wenn ich vom Schnelldurchlauf ausgehen darf: Jeder dieser Songs hätte als Sieger des Wettbewerbs Unglücksgefühle ausgelöst, ob es nun die fröhlichen bayerischen Blechbläser oder die Anzugträger Mannheims gewesen wären, und wenn die Jury auf Blitzkids setzte, lag sie gar nicht so schlecht. Es wird nicht besser werden, wenn man sich nicht entschließt, einfach mal an ein Lied zu glauben, an die Power eines einfachen Lieds, an Naivität, Sentimentalität, daran, dass auch etwas Falsches wie Ein bisschen Frieden etwas Richtiges sein kann auf der Schlagerbühne, man braucht junge Heldinnen und Helden, egal welchen Alters, denen man einfach glaubt, dass sie an das glauben, was sie da singen, wenigstens für drei Minuten. Sollen sie sich die Seele aus dem Leib singen.

Was auch nervt ist im soundsovielten Jahr die Berlinale mit ihrem Direktor und seinem roten Schal, seinem breitkrempigen Filzhut (diese Vorstellung von lustiger Eleganz), seiner durchgängig guten Laune, seinem Bekenntnis zum politischen Film und der Cleverness, mit der er im richtigen Moment Stars und Medien zusammenbringt. Was bleibt von der Berlinale. Immer dasselbe.

Mystiker und Bäckerburschen

Letztes Wochenende. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich das Treiben in Basel und in Baku. Deutschland 3:5 in Basel und 8. Platz in Baku. Zwischendurch schmeckte der Spargel bitter. Das EM-Vorbereitungs- und Freundschaftsspiel gegen die Schweiz hatte anscheinend vor allem den Sinn nachzuweisen, dass die Bayern-Spieler im deutschen Team unverzichtbar sind, alle acht zur EM mitgenommen werden müssen, und ja, Selbstbewusstsein nach drei verpassten Titeln sollte ihnen auch beschert werden. Nie sind sie so wertvoll wie wenn sie nicht mitspielen, die Bayern-Kicker. Ihr zweiter Saisonhöhepunkt war das Schnick-schnack-schnuck gewesen: das Team auf dem Höhepunkt seiner Selbstgefälligkeit knobelt einen Freistoß aus.

Selbstverliebtheit. Selbstüberhebung. Da wir einmal dabei sind. Herr Schmitt bewertete in der FAZ die 26 Finalisten des Song Contest vorab. Sieg, Top ten, unter ferner liefen. Schulterklopfen, Lob, Spott, Verächtlichkeit. Verächtlichkeit besonders für die Favoritin aus Schweden: „… Loreens Show ist Schwachsinn. Die Schwedin gebärdet sich wie eine Wahnsinnige”. Nach der Show blieb Schmitt bei seinem Urteil, klang aber wesentlich kleinlauter. Die Frage ist: Wie kann ein düsterer, mystischer Song in unserem lichten Europa derart überlegen Sieger einer demokratischen Abstimmung werden? Die Antwort, die mir einfällt, ist die: mystischer Song trifft Krisenstimmung. Von der Erklärbarkeit der Welt will man angesichts der Finanzkatastrophen, des exorbitanten Schuldenwesens, der hypertrophierten Banken nichts mehr wissen. Wie die Romantiker begehrt der Song gegen die Diktatur der negativen Zahlen auf und hebt ab in die Ewigkeit. Bemerkenswert, dass Loreens Show den beseelten Inhalt des Songs eher konterkariert als feiert, als müsste sie die Mächte des Bösen erst bekämpfen, ehe sie abheben kann, wobei der Ausgang ungewiss ist und bleibt. Bemerkenswert auch, dass die Solisten oft weniger signifikant waren als die Musiker und Tänzer im Umfeld: die dämonischen Geigerinnen, die wüsten Trommelweiber. Vielleicht kann man sich in der Gruppe besser profilieren als allein an vorderster Front. Vielleicht erfahren wir eine Aufwertung der Nebenrolle. Deutschland hatte einen guten Song und war der Gegenentwurf zu Schwedens Nummer. Ein guter Song braucht keine Effekte. Ob das stimmt? Und warum musste Roman Lob wie ein Schlumpf auftreten? Mit dieser Wollmütze? Du hast keine Ahnung, das mögen Mädchen heute. Ach so. Mädchen mögen Schlümpfe, keine Männer? Warum?  Das verstehst du nicht. Roman Lob zeigte das Einverständnis mit sich und der Welt im Gegensatz zur zerrissenen, von Dämonen gehetzten Loreen. Er wirkte harmlos wie ein Bäckerbursche, gut genug für die Top ten. So viel Bodenhaftung haben wir noch.