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Der Schlaf des Gerechten (9)

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf.”
© Kopka

Auf dem Alexanderplatz fand eines der vielen ununterscheidbaren Feste mit den immer gleichen Buden und den hoffnungslosen Angeboten statt, von denen das eine oder andere dann doch nachgefragt wird und seinen Mann ernährt. Nur die Touristen können daran noch Gefallen finden, alle anderen zeigen ihr Desinteresse und die Händler verbergen ihre Depression. Am Osteingang des Bahnhofs lagen zwei Männer, die der stickige Augusttag (und nicht nur der) an den Rand ihre Kräfte gebracht hatte. Zwei Helden am Ende der Schlacht, die sicher nicht gewonnen wurde. Immerhin war man mit dem Leben davongekommen. Oder wenn man so will: Die gute weise Frau hatte den Todesfluch der bösen weisen Frau in einen tiefen hundertjährigen Schlaf verwandelt. Wie Königssöhne erschienen zwei Ordnungshüter, die sich anschickten, die beiden Dornröschen wachzuküssen. Zunächst rüttelten sie an den Schultern, dann entwanden sie dem einen Schläfer eine noch zu drei Vierteln volle Schnapsflasche. Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, wussten sie wohl, dass sie die rechten Königssöhne nicht waren oder dass die hundert Jahre Tiefschlaf noch nicht an ihr Ende gekommen sein konnten. In der Mitte zwischen den zwei Dornröschen stand ein Plastikbehälter, in den man Geld hätte hinein werfen können. Vielleicht hätte es die zwei Dornröschen munter gemacht, wenn da ein paar Scheine hineingefallen wären, doch dazu kam es nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlafen sie noch heute.