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Posts Tagged ‘Dominic Raacke’

Was heißt hier öde?

Auch Berliner Kleingärtner sind involviert

Auch Berliner Kleingärtner sind involviert

Wir wollen bitte unseren alten Berliner Tatort mit Dominic Raacke und Boris Aljinovic wiederhaben, auch wenn eine schnöselige FAZ-Rezensentin gerade schrieb, dass die beiden „allzu öde Kommissare” gewesen seien. Man kann es sich doch recht leicht machen, wenn man über den Vorzug verfügt, keine Ahnung zu haben, aber ’ne Klappe. Bloß weil Raacke und Aljinovic nicht als solche Kasperköppe wie Prahl und Liefers auftraten?

Die neuen Berliner Tatort-Leute sind borniert genug zu glauben, dass wir uns noch daran erinnern, was in ihrem ersten Fall passierte, der von einem dreiviertel Jahr gesendet wurde und auch schon reichlich unüberlegt wirkte. Darauf kommen sie im neuen Film „Ätzend” hier und da zurück. Sie sind weiter borniert genug, dass sie diesen aktuellen Tatort mit einigen offenen Handlungsfäden in die Zukunft ausstatten, an die wir uns dann in einem Jahr erinnern sollen. Geht es noch? Sie springen von Ort zu Ort, die Unübersichtlichkeit verdeckt die Abwesenheit einer stringenten Handlung. Oder auch nicht. Meret Becker bemüht sich, dem Berliner Jargon einige aparte Töne abzugewinnen, aber viel mehr als forciertes Lispeln kommt dabei auch nicht rum.

Nein, wir wollen die alte Sache mit Raacke und Aljinovic wiederhaben. Wir mögen seriöse Kommissare.

Die Opfer des zweiten Traums

Herbst in Berlin, Endzeit im Tatort

Herbst in Berlin, Tatort-November

Wie kann man zeigen, dass man keinen Ehrgeiz besitzt? Indem man einen Tatort-Krimi „Vielleicht” nennt. Um bestimmte Dinge machen wir uns hier beim RBB keine Birne. Man war vielleicht (da haben wir’s schon wieder, aber wenigstens nicht als Titel) so fasziniert davon, dass man sich im Genre des Psycho-Thrillers versuchte, dass man anderweitig alle Sorgfalt aufgab. Die norwegische Psychologie-Studentin Trude ist mit der Gabe des Zweiten Gesichts geschlagen. Sie träumt Morde. Morde, die dann, Wochen später, wirklich geschehen. Sie warnt die potentiellen Opfer. Sie geht zur Polizei und meldet ihre Träume. Die Polizei nimmt das nicht ernst. Da tauchen genügend Spinner und Denunzianten auf. Aber was geträumt wurde, es geschieht. Die Polizisten streuen Asche aufs Haupt und ermitteln. Trude wird sich selbst unheimlich und den Ermittlern auch. Der Polizeipsychologe versucht, rationale Erklärungen zu finden. Selten sah man einen Krimi, in dem der Täter so allgegenwärtig ist. Kaum aber ist er gefasst, verlieren die Filmschöpfer jegliches Interesse an ihm. Er verschwindet von der Bildfläche. Nichts über seine Motive, seine Vorgehensweise. Was interessiert uns unser Tun von gerade eben. Es gibt einen zweiten Traum. Eine zweite Bluttat. Und wieder geschieht, was geträumt wurde, und hier nun strecken die Tatort-Macher vollends die Waffen. Wir erfahren nichts über die Opfer, nichts über den Täter, nichts über eventuellen Verbindungen. Den Jungs vom RBB sind ihre eigenen Fälle gleichgültig. Sollen die Zuschauer gefälligst selbst weiter ermitteln; sie haben ja genug Tatort-Erfahrung.

Es war der letzte Tatort von Kommissar Felix Stark, uns nachhaltig ins Bewusstsein gerückt von Boris Aljinovic.

Stark befragt. Stark zeichnet Opfer und Tatorte aufs Papier. Stark belehrt seine jungen Mitarbeiter. Stark bewegt sich wie ein Urlauber. Stark bittet um Begleitung. Stark ordnet an. Stark grübelt. Stark ist nicht danach, mit dem Polizeipsychologen ein Bier zu trinken. Stark sagt: Das ist ’ne Scheißsituation. Stark macht sich Vorwürfe. Stark zieht die schusssichere Weste an, zieht sie aus, versteckt sie unterm Schreibtisch. Stark mahnt. Stark stehen Tränen in den Augen. Stark sagt: Das ist ein Trick. Gehen Sie aus der Wohung. Mischen Sie sich unter Menschen. Stark bittet um Versetzung. Stark sagt: Wir verhalten uns ganz unauffällig.

Stark wird mit zwei Schüssen niedergestreckt.

Die Polizisten torkeln mit steifen Beinen durch den Tatort. Wie lebensgroße Puppen.

Das war ein Kommissar, den man immer ernstnehmen konnte. Ein Mann, bei dem man eine besondere Tiefe spürte. Ich weiß jetzt schon, dass ich ihn vermissen werde, ihn und seinen Kollegen Till Ritter (Dominic Raacke), der schon in dieser Folge fehlte.

Alt und grau und schwer genervt

Kann viel passieren in Berlin

Kann viel passieren in Berlin

Das soll der letzte Fall der Kommissare Ritter und Stark gewesen sein am Tatort Berlin. Der RBB scheint was Besseres im Sinn zu haben. Dürfen wir skeptisch sein? Ja, da bitten wir gar nicht um Erlaubnis. In der FAZ erklärt man sich die Ablösung zum Beispiel damit, dass Kommissar Ritter sprich Dominic Raacke früher viel unangepasster war, er rauchte und soff und verspottete seinen Kollegen. Hä? Ritter ist alt und grau geworden, fürs Rauchen und Saufen fehlen ihm die Vakanzen. Raacke spielt glaubwürdig einen Mann, der schwer genervt ist mit diesem Job in dieser Welt. Eine gewisse Eitelkeit hat er noch nicht verloren, eine gewisse Liebesfähigkeit ebenfalls nicht, auch wenn es ihm passieren kann, dass er sich in schöne Verdächtige oder traurige Täterinnen verliebt. Er wäre eine gute Besetzung für Mankells Wallander. Und Kommissar Stark, der nur halb so groß ist wie Ritter? Das haben die Berliner wunderbar hinbekommen, dass daraus keine Witzigkeit wurde und kein Herr-und-Diener-Verhältnis, in einem Feuilleton wurde sogar von Don Quichote und Sancho Pansa geredet; alles Quatsch. Boris Aljinovic spielt einen introvertierten, gleichwohl selbstbewussten Mann, dem man die Einfühlung in fremde Schicksale bedenkenlos abnimmt und dessen wortkarge Einreden immer Wirkung zeigen. Zwischen den Kommissaren ist viel Ungesagtes, das wir Zuschauer spüren, das Schicksalhafte dieser ungewöhnliche Arbeitsbeziehung. Der RBB hat offenbar nicht begriffen, was sich hier in dreizehn Jahren und dreißig Fällen aufgebaut hat.

Das Problem dieses „Großer schwarzer Vogel” betitelten Krimis liegt wie meistens im Drehbuch. Es wird immer schwerer, Geschichten zu erzählen, die neu wirken und noch unerzählt. Großer schwarzer Vogel, das ist natürlich der Tod, man kann sich an das große Lied von Ludwig Hirsch erinnern, komm, großer schwarzer Vogel, der den Tod fast flehentlich herbeisang und sich viele Jahre später das Leben nahm. Von eher unabsichtlichen Verbrechen wird erzählt, von einem Mann, den der Stress des Leistungssports zermürbt hat und der den Tod suchte. Er kommt mit dem Leben davon, aber die Menschen, die er in seinen Suizidversuch hineingezogen hat, eben nicht. Das wird durch ein Komplott vertuscht, und nun will uns dieser Tatort erzählen, dass die Gespenster der Vergangenheit nicht zur Ruhe zu bringen sind und immer neue Untaten gebären. So wie sich der Steuersünder steuerehrlich machen soll, soll sich der Täter zu seiner Tat bekennen, er kommt sonst aus dem Teufelskreis nicht heraus. Das ist ein bisschen viel an unverlangter Moral, und der Fall wirkt auch entsprechend konstruiert. Schade drum, denn ansonsten ist der Film eine reelle Sache. Wie immer spielt die Stadt unaufdringlich, aber wirkungsvoll mit, alte und neue Häuser, enge Flure und Treppen, die Lichter am Abend, der flutende Verkehr, die historische Markthalle, die Bahnhöfe, die Tiefgarage, der Mann vom Radio, die Physiotherapeutin, die Putzfrau, die Kindergärtnerin, die Assistentin mit den Klassejeans, die Bauarbeiter auf den Baugerüsten, die alten Seilschaften, das Haus am See, die Krähen, der ramponierte Lederball, die Schlaflosigkeit, der wilde Wein, die Laster der Großstadt, die Brücken, die Ratlosigkeit und das Schweigen. Kommt wieder, Ritter und Stark.

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Es geschah U-Bahnhof Schönleinstraße

Über den Tatort Berlin kann ich sagen, dass der immer ’ne ziemlich ernste Sache ist. Da ist der ziemlich hochgewachsene Kommissar Ritter (Dominic Raacke) , und da ist der ziemlich kleine Kommissar Stark (Boris Aljinovic), aber daraus macht man zum Glück nichts. Die sind eben so und haben ihre Gesichter, die mit den Jahren noch immer klassischer und ausdrucksstärker werden. Der Job hinterlässt Spuren. Im Berliner Tatort ist auch immer viel Berlin enthalten, in diesem Fall waren es besonders die U-Bahnhöfe in Mitte und nebenan. Wir erfahren, was in dieser Stadt (und in diesem Land) passieren kann. Der Film knüpft an den authentischen Fall des Managers Dominik Brunner an, der helfen wollte und zu Tode geprügelt wurde. Das geschah in München, aber es hätte auch in Berlin passieren können, und wie es zum Beispiel hier hätte passieren können, zeigt dieser Tatort, ohne den wirklichen Fall stumpfsinnig nachzuspielen. Hier wird eine Geschichte gezeigt, die ihre eigenen Gesetze hat. Der mutige Mann, die betrunkenen, ausflippenden Jugendlichen. Die aber ganz andere Menschen sind oder zu sein scheinen, wenn sie nüchtern sind und verhört werden. Da werden einige Register psychologischen Fehlverhaltens gezogen, einige üble Gestalten vorgeführt, aber die übelste ist wohl die des Anwalts, der glaubt Herr über Schuld und Unschuld sein zu können, ein Superhirn (tatsächlich aber ein Betonkopf), der mit juristischen Tricks die Wahrheit auf den Kopf stellen will, Anmaßung eines Größenwahnsinnigen. Die Kommissare Ritter und Stark leisten ehrliche, harte Kleinarbeit. Und die Leute, die ihre Fälle schreiben und umsetzen, auch.

Die Täterin war unverdächtig

November 19, 2012 2 Kommentare

Die Täterin im Berlin Tatort war unverdächtig, mehr noch, sie war auf der Seite der Ermittler, und Kommissar Ritter war kurz davor, sich in sie zu verlieben, aber dann läuteten doch irrationale Alarmglocken in seinem Schädel. Sie hatte eine handschriftliche Liste mit den Dingen, die noch zu tun sind (so hieß auch der Film: Dinge, die noch zu tun sind), bevor sie stirbt. Ab und zu konnte sie etwas ausstreichen, ab und zu kam eine neue Position hinzu. Es kann sein, dass der kranke Mensch, der einem ungerechten Tod ins Auge blickt, zu einer hintergründigen Radikalität neigt, und so hatte diese Täterin zwar nicht das Recht, aber eine bestimmte Moral auf ihrer Seite, wenn sie tötete, denn es ging um die Unversehrtheit ihrer Töchter und vieler verführbarer Jugendlicher, und die Ermittler, nicht nur Ritter, sondern auch Stark, waren ihr gnädig, und der Zuschauer, nehm ich an, war einverstanden. Das lag auch an der sensiblen Leistung der Schauspielerin Ina Weisse.

Ein Wort zum Thema Kontinuität. Der Berliner Tatort ist seiner selbst sicher. Die Ermittler (Dominic Raacke und Boris Aljinovic) zeigen, dass weniger manchmal mehr ist. Das sind zwei Gestalten, die Raum für Projektionen lassen, sie scheinen echt in Sorge zu sein um die Menschen in dieser Stadt, sie kommen sich komisch vor, wenn sie gute Ratschläge geben, und es genügt eine Schmalztolle, um zu zeigen, dass Ritter unerfüllte Sehnsüchte nicht unbekannt sind. Rumkaspern müssen sie nicht. Für Humor und unvermeidliche Berliner Schnauze ist der Kriminaltechniker Schwill zuständig.

Und die Stadt ist im Bilde, aber nicht übertrieben. Die U-Bahn spielt mit, der eingezäunte Bolzplatz und das Milieu einer scheinbar oder anscheinend unzugänglichen Jugend.

Also: Wenn etwas länger dauert und Tradition hat: Kommt uns nicht mit „auserzählt”. Es kann etwas auch besser werden.

Todernste Kommissare

Irgendwo is immer Licht, ooch in Berlin. Meistens am Ende des Tunnels

Irgendwo is immer Licht, ooch in Berlin. Meistens am Ende des Tunnels

Der Berliner Tatort hat eine Reihe bemerkenswerter Charaktere zu bieten, insofern gleicht er amerikanischen Romanen, die auch nicht unbedingt durch die Story für sich einnehmen, sondern durch die kantigen, sonderbaren Gestalten, die in ihnen vorkommen. Hier ist es zum Beispiel der türkische Taxifahrer Bülent Delikara, ein bemerkenswert schnoddriger, cooler Typ, der jeden Verdacht wegbügelt, ja, vor allem ist er wohl absolut angstfrei, als wäre er der Herr der Stadt. Wenn Kommissar Ritter etwa verlangt, bitte jetzt keine Märchen aus Tausendundeine Nacht erzählen, wittert der furchtlose Bülent sofort seine Chance und sagt im schönsten Türkendeutsch, ej,  is’ Diskriminierung, Mann, werde beschweren. Und dann haben wir die ungerührte Tochter des Mordopfers, Dagmar Klemke, was für ein wunderbar unauffällig-auffälliger Name, mit ihrem mondartig ruhenden Gesicht, deren Gedanken man gern erraten möchte und die zu ihrer Jugendfreundin Ziska Zuckowski (auch nicht schlecht, dieser Name) die sie vielleicht mal geliebt hat, sagt: Was sind wir denn, wir sind doch nur das Geld. Und wer Geld hat, ist eben eine Persönlichkeit, und wer keines hat, ist keine. Und schließlich Klemkes Sekretärin Edith Welziehn, mein Gott, können die Namen erfinden, eine Gestalt wie von Tennessee Williams erdacht, Endstation Sehnsucht oder auch Mord. Zu den Kommissaren ist zu sagen, dass sie wirklich todernst sind, Dominic Raacke und Boris Aljinovic, sie sind keine Kasperköppe aus Münster, sie sind Kommissare aus dem Moloch Großstadt, haben wenig zu lachen, führen ihre Verhöre sachlich und undramatisch, wir nehmen sie ernst, sie haben eine hohe Präsenz.

Am billigsten ist noch der Titel dieses Tatort: Alles hat seinen Preis. Aber die Darstellerinnen der Frauenrollen: Nicolette Krebitz! Renate Krössner! Alwara Höfels! Tatjana Blacher! Eine immer rätselhafter als die andere. Regie Florian Kern. Buch: Michael Gantenberg, Hartmut Block.