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Posts Tagged ‘Demokratie’

Internet und Herrschaftswissen

Das Herrschaftswissen löst sich in seine Einzelbestandteile auf
© Klaus

Mit der Ausbreitung des Internet begann der Niedergang des Begriffs Herrschaftswissen und all dessen, wofür er steht, und das ist auch gut so. Das Internet ist die reine Demokratie mit allem Für und Wider. Es fällt einem nicht in den Schoß, das Internet, man wird nicht hineingezwungen, aber wenn man es hat, kann man überall dabeisein. Und kann das, was wir Herrschaftswissen nennen, aufstöbern. Und schon ist Herrschaftswissen kein Herrschaftswissen mehr. Okay. Ich weiß nicht alles, aber ich könnte alles wissen, wenn ich nur wollte und meine Zeit mir nicht zu schade wäre. Nie waren die Statements der Politiker so durchsichtig, wie jetzt in den Zeiten des Internet. Nie war die Geheimnistuerei der Manager so lächerlich. Aber so hoch will ich gar nicht greifen. Der Handwerker ist nur noch eingeschränkt König. Den Boiler, den er mir für 700 € in Rechnung stellen würde, kaufe ich im Netz für 500. Die Info, wie ich den Rollladenantrieb meiner Jalousie programmieren kann – er enthält sie mir vor, weil er sich wichtig tun und mit jeder Kleinigkeit Kohle machen will – ich hole mir die Anleitung im Netz. Und dann mache ich das selbst. Leckt mich doch alle am Arsch. Das eigene Herrschaftswissen, das man sich über Jahre und Jahrzehnte angeeignet hat und mit dem man hier und da auf die uns eigene bescheidene Art aufgetrumpft hat, ist allerdings auch von seinem Glanz befreit. Das halten wir aus.

Machen wir uns doch nichts vor

Die Grünen, Linken, Liberalen möchten gern am Kanzler-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz teilnehmen, um die Demokratie zu wahren, sie hätten nichts dagegen, wenn die AfD dabei wäre, auch wegen der Demokratie. Das scheint mir der falsche Ansatz zu sein. Auch Martin Schulz ist nicht Volkspartei genug, um sich ins Duell begeben zu können. Angela Merkel sollte das Kanzler-Duell mit sich allein führen. Vielleicht erfahren wir dann etwas über ihre inneren Kämpfe und Zweifel.

Der unverhüllte Bundestag

Seltsamer noch als Biermanns little hate-and-horror-show im Bundestag war das Verhalten des Parlaments. Der Bundestagspräsident bekommt nicht mit, dass der Sänger ihn veräppelt, als er ihn einen Ironiker nennt, fühlt sich stattdessen geschmeichelt. Die Abgeordneten mit ihren schlichten Gemütern bejubeln, dass Biermann die Regeln des Hohen Hauses missachtet, an die sie selbst sich immer so brav halten. Dann amüsieren sie sich von Herzen und beklatschen jeden Halbsatz des Sängers, ohne zu verstehen, dass sie gerade einer hemmungslosen Heldenverehrung, vom Hero persönlich vorgenommen und darum nur umso schamloser, beiwohnen. Sie sind auch nicht imstande zu verstehen, dass Biermann abermals die Kämpfe von vor vierzig Jahren gegen die Stalinisten kämpft, von denen keiner anwesend ist. Ich wüsste nicht, wieso die anwesenden Linken reaktionärer sein sollten als die anderen Abgeordneten oder gar als Biermann selbst. Der Abgeordnete Kauder holt ganz weit aus, um möglichst intensive Klatschgeräusche zu erzeugen. Nicht auszuschließen, dass er sich dabei verletzt hat. Und wenn man am Ende sieht, wie SPD-Vorsitzender, Bundestagspräsident und Kanzlerin sich beeilen, Biermann zu beglückwünschen und zu knuddeln, dann ahnt man, wie hoch der Leidensdruck sein muss, den sie empfinden, wenn sie die Demokratie nicht nur loben, sondern auch aushalten müssen, indem sie Wahlergebnisse zu akzeptieren haben, die ihnen nicht behagen. Was sie selbst nie zu sagen wagten, aber immer dachten: Der Sänger hat es ihnen abgenommen. Das werden sie ihm nicht vergessen.