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Beim Malen von ein paar Äpfeln

Galeristin und Maler
© FJK

Von der Joachim- in die Auguststraße. Kinderspielplätze, Restaurants, Läden und vor allem Galerien. Vor Eigen + Art etwa steht Judy Lybke, man erkennt ihn zuerst an der Kariertheit seines Anzugs. Clärchens Ballhaus ist wieder offen und bewirtet im Garten. Auf dem eingezäunten Sportplatz spielen Mädchen und Jungs Fußball, sie tragen schon Vereinstrikots und die Gruppe vorn links muss erst mal einige Runden drehen, ehe sie an den Ball treten darf; man sieht schnell, wer ein Bewegungstalent ist. Am Eingang der Coppi-Galerie staut es sich, während die Galeristin schon die Begrüßungsworte spricht und der Maler, Harald Metzkes in seinem 91. Jahr, mit Maske in sicherer Entfernung zuhört und antwortet, wenn er gefragt wird. Durch die Maske hindurch. Die Besucher haben zwecks Zurückverfolgbarkeit ihre Personalien in eine Liste einzutragen. Manch einer ist das Schreiben mit der Hand nicht mehr gewöhnt.

„Vorhang auf” heißt die Ausstellung nach einem der Gemälde. Einige Bilder des Malers, den man alt nicht nennen mag, sind brandneu, wir sehen Punker, Rollerfahrer, Gaukler, Badende, Fischer, Pfeifenraucher, Kellnerinnen, Schoßhunde, Quitten, Stühle, Masken, Teekannen, Terrassentüren, Kähne, Brandenburger Tore und natürlich Harlekine. Alles in Metzkes’ diskret-kultivierter Farbgebung, die vielleicht auch dazu führt, dass das Punker-Bild fast wie ein schwer zugängliches Adels-Bild wirkt, Gotik, wenn man so will. Die Rollerfahrer wiederum können nicht verbergen, dass sie mit diesen neuen technischen Geräten noch nicht recht umzugehen wissen. Wir sehen die verschiedenen Stadien von Unberatenheit. Die Gleichwertigkeit von Figur und Hinter- wie Nebengrund, weiche Konturen sind exemplarisch für Metzkes’ Bilder, die Gestalten haben offene, noch unentschiedene Gesichter, wir sehen sie in tänzerischen Posen, nichts ist abgeschlossen, alles kann noch etwas anderes werden, als es ist. Insofern: Das Leben ist auch Spiel in gnädigen Landschaften und vorläufigen Stadträumen. Wir stehen vor Bildern, nicht vor Bedeutungen.

Der Spielplatz gegenüber
© ADe

In einem Interview von 1975 (lieber Himmel, 45 Jahre!) sagt Harald Metzkes: „Die Arbeit nach der Natur ist kein Hilfsmittel, sie dient der Objektivierung der Vorstellung. Man kann den Raum kaum besser begreifen als beim Malen von ein paar Äpfeln, die Handbreiten auseinanderliegen. Das Auge, das zwischen Bild und Natur hin und herblickt, wird sich immer tiefer der Rätselhaftigkeit der Erscheinungen bewusst, je länger es vom Bild zur Natur zurückkehrt.”

Es ist nie leicht nachzuvollziehen, was Metzkes über das Malen sagt, aber man hat doch das Gefühl, dass es einem hilft.

Vernissagen laufen unter reduzierten Bedingungen ab, aber irgendwie gelangt doch eine kühle Flasche Müller Thurgau in unsere Hände und ein kleiner Karton mit sechs Gläsern. Wir gehen zum Spielplatz gegenüber, der Wein schmeckt wie die Kunst, verleben einen späten Sommerabend. Uns fehlt in diesem Moment nichts.

 

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