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Herta Günther, Kosmos des Wartens

Frauen, die Frauen den Rücken kehren
© FJK

An einem Sonnabend ist es schwer, um vier in Berlin Mitte zu sein. In der dritten Liga schießt Hansa Rostock das dritte Tor und der Garten verlangt, dass man sich ihm nach dem halbherzigen Winter wieder zuwendet. Als wir in der Coppi-Galerie ankommen, hat die Galeristin ihre Rede schon gehalten und der Saxophonist spielt die letzten Töne. Danach gibt es heiteren Beifall. Die Ausstellung gilt Herta Günther, der Dresdener Malerin, die im letzten Jahr gestorben ist. Sie wäre in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass eben diese Ausstellung und ein Katalog mit den nachgelassenen Werken. Unsere Freundin Corinna hat mit Albrecht Günther gesprochen, dem älteren Sohn der Malerin. Ein Gespräch mit viel Dresdner und Maler-Kolorit. „Bis Anfang der 1970 Jahre war die Mutter viel für mich da, erst dann wurde sie seltener.” Proletarische Eltern ohne Zugang zur Kunst, ein besorgter Mann, selbst Zeichner, ein kleiner Freundeskreis, intaktes Ehe- und Familienleben. „Sie malte, wie sie atmete. Stillleben, Häuserzeilen, Flusslandschaften, Köpfe, Kneipenszenen. Es finden sich häufig Gegenstände aus unserem Leben auf den frühen Bildern.”

Herta Günther, Dampferanlegestelle

Zeit, Licht und Platz für die Bilder in der Galerie. Wir registrieren, was uns durch den Kopf geht. Herta Günthers Frauen. Meist sehen wir sie in Kneipen, Cafés, Bars, Nahkampfdielen. Es sind Frauen, die noch sitzen bleiben, wenn die Stühle schon hochgestellt sind. Das Glas scheint sich von selbst entfernt zu haben. Der Mund ist klein, die Augen umflort. Standhafter kann man einen verlorenen Abend nicht ertragen. Etwas wird geschehen, und wäre es nur in ihrem Kopf. Jeder sitzt für sich allein. Und der, der im Rücken der Frau in den Raum hineintritt mit Mütze und Schnauzbart, er wird sich nicht zu ihr setzen, er wüsste nicht, wie er sie befreien könnte aus ihren Gedankenflügen zu besseren Tagen, die nicht wiederkehren. Sie ist die einzige, die nicht zu frieren scheint. Die Garderobiere, die für alle Lebenslagen Verständnis aufbringt, am meisten für den Mann, der niedergeschlagen mit gesenktem Kopf und krummen Rücken Hut und Mantel einsammelt. Die Frau, die sich im Spiegel mustert und nur für sich selbst nahbar ist. Der Mann in der offenen Tür ist ein Verlierer, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hat. Und wenn wir an den Fluss gehen, werden wir sehen, dass die Anlegestelle, die Abfalltonnen, das Empfangshäuschen, die Möwen auf seinem Dach und die große 5 auf seiner Wand sich genauso in Wartestellung befinden wie die Frauen in den Bars und Spelunken, ja, auch der Fluss. Das Ende der Straße scheint auch das Ende der Welt zu sein. Morgen werden die gleichen Frauen wieder in den gleichen Kneipen sitzen, die gleichen Männer zur Tür hineinschauen, die gleichen Lampen ihr nutzloses Licht verstreuen, und hinter dem Ende der Straße und der Welt bewegt sich der Fluss.

Der Kosmos des Wartens. Eine Zeit, die nicht unsere Zeit zu sein scheint. Eher eine Zeit, die schon war, die vielleicht auch wieder kommt. Warten auf etwas, das schon war. Nicht auf etwas, das gänzlich neu wäre. Und falls es um Männer gehen sollte. Nicht etwa auf ein völlig neues, unbekanntes Gesicht. Sondern auf ein bekanntes, auf ein vertrautes, eines, das man verloren hat, warum auch immer. Menschen machen Fehler, auch Frauen.

Wenn wir die Galerie verlassen, ist es noch hell. Der Frühling hat sich in Berlin Mitte niedergelassen. Bayern München erreicht ein 1:1 in Freiburg. Die Wachmänner raunen es sich zu. Dortmund siegt in der Nachspielzeit. Für einen Abend ist alles leicht.

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