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Jede Kritik ereignet sich zweimal

Rentner von heute betrachten die Schüler von damals
© FJK

Die Galerie Helle Coppi war voller Bilder, Menschen und Mäntel. Die Mäntel hingen dicht an dicht am Garderobenständer, lagen auf Bänken und wer Angst hatte, seinen Mantel nicht wiederzufinden, behielt ihn einfach an und schwitzte.

Harald Metzkes ist neunzig geworden, es gibt Ausstellungen und Würdigungen, aber die Ausstellung in der Galerie Helle Coppi ist speziell. Sie erzählt die Geschichte des Bildes Polytechnischer Unterricht von 1959. Ist Künstler da?, fragte die Galeristin am Anfang ihrer Begrüßung. Ja, er stand direkt vor ihr. Harald Metzkes, gelassen wie immer, im englischen Jackett und dunkelbraunen Schuhen. Den jungen Mann von 29 Jahren beauftragte der Kulturfonds, ein Werk zu schaffen. Metzkes’ Themenvorschlag: spielende Kinder. Das war dem Auftraggeber zu unverbindlich, er verschaffte Metzkes Praxisnähe im VEB Bergmann Borsig. So entstand das Bild „Polytechnischer Unterricht”. Drei Schülerinnen, ein, kaum älterer, Ausbilder, eine Turbine, einige Werkstücke. Es war schon nicht leicht, das Bild durch die Gremien zu bekommen, aber dann schlug die fortschrittliche Kunstkritik zu.

Begrüßung der Galeristin

„… lebensfrohe, lustige Kinder sind zu blutleeren, blassen Schemen gemacht … Mag dieses Bild noch so gut ›gebaut‹ sein, wir lehnen eine bürgerlich-modernistische Formauffassung, die den Menschen seiner Menschlichkeit beraubt und ihn zum Kompositionselement schlechthin erniedrigt, sehr entschieden ab.”

Knapp sechzig Jahren später knöpfen sich Kunstrichter dasselbe Werk wieder vor, es gerät jetzt in den Verdacht, Staatskunst der DDR zu sein. Ist ja klar, wenn ein Künstler in einen Betrieb geschickt wurde, dann kann da nur etwas Angepasstes, Ideologisches herauskommen, und man versteigt sich zu der griffigen Formulierung, Polytechnischer Unterricht sei „eines der gut gemachten schlechten Bilder”.

Der Maler in der Rolle des Zuhörers

Es ist anzunehmen, dass Metzkes von der zweiten Verurteilung seines Bildes aus der nur scheinbar ganz anderen Ecke eher amüsiert und verwundert als verärgert war. Die Ausstellung zeigt einige Vorstudien zu dem Bild von 1959, vor allem aber 2017 entstandene Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen, die mit dem alten Werk, seinen Figuren und seinen Kritikern und Bewunderern spielen. Die „blutleeren, blassen Schemen” steigen lebensfroh aus dem Bild, der Maler (vermutlich) verlässt als blasser Schemen den Raum. Die Bilder heißen „Kunsthistorisches Idyll”, „Polytechnische Comödie mit antiproletarischem Nachtreten”, oder „Don Quichotte nimmt Stellung zum polytechnischen Unterricht”, nämlich, indem er auf seiner Mähre mit aufgepflanzter Lanze zur Tür hereingeritten kommt und die Windbeutel der Kunstkritik erschreckt. Gestalten der Commedia dell’arte posieren vor den andächtigen Schülern. Gelegentlich lässt Metzkes den Lehrmeister als jungen Karl Marx auftreten.

Eine solch heitere wie auch verwunderliche Ausstellung sieht man kein zweites Mal. Und einen Maler, der sich von der Wiederholung einer verbohrten Kunstkritik derart inspirieren lässt, haben wir auch noch nicht gesehen. Der Hintergrund ist natürlich nicht eben heiter. Damals wie heute möchte man dem Maler ein anderes Bild abverlangen, als das von ihm vorgelegte. Man vermisste die heroischen, fröhlichen, optimistischen Gestalten, man störte sich an der Beiläufigkeit und Versunkenheit des Vorgangs, an der zurückhaltenden Farbgebung, man störte sich letztlich daran, wie Arbeit wirklich abläuft, wie langsam Zeit verrinnt. Und heute ist man zufrieden, wenn man glaubt, in einem Maler aus der DDR den angepassten Staatskünstler erkannt zu haben. Jede Kritik ereignet sich zwei Mal. Einmal als Vernichtungsplan und einmal als Farce.

Wir hatten keine Probleme, unsere Mäntel wiederzufinden. Wir hatten sie noch an.

 

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