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Der Schuster, die Absätze, die Rente

Die Schusterwerkstatt, wie sie im Buche steht, nämlich im Bildwörterbuch des Bibliographischen Instituts Mannheim/Wien/Zürich 1977

Ich trage die Schuhe mit den schief gelatschten Absätzen zum Schuster. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir noch einen haben. Und was machen wir aus diesem Glück? Nichts. Ich habe mich immer bemüht, die runtergetretenen Absätze zu ignorieren. Ist noch nicht so schlimm. Wahrscheinlich gewöhnt man sich dann auch einen ganz bescheuerten Gang an oder so. Also. Ich war noch nie bei diesem Schuster. Er hat seine Werkstatt in einem nicht sehr urbanen Teil der Treskow-Allee, im Souterrain. Man geht daran vorbei und denkt, das Schild ist übriggeblieben, den Schuster gibt’s nicht mehr. Gibt’s aber doch. Er tritt hervor aus einem hinteren Raum, ein alter Herr mit kurzen Haaren, einen jungen Schuster können wir uns nicht vorstellen. Der Schuster sieht sich meine bedauernswerten Schuhe an und macht ein bedenkliches Gesicht. Das wird kostspielig, sagt er, ich muss mehrere Schichten abtragen und neu aufbringen. Nur prüft er das Gelenk, das ist der Bereich zwischen Absatz und Sohle, der lässt sich noch biegen, ohne zu brechen. In zwei Tagen kann ich die Schuhe abholen. Der Schuster erzählt mir, dass dies seine letzten Tage sind. Der Vermieter hat den Mietvertrag nicht mehr verlängert, aber über den könne er sich nicht beschweren, der war immer kulant mit seinen Mieterhöhungen, zum Glück hatte ich keinen langfristigen Vertrag, das kann ins Auge gehen, wenn mal was passiert. Bis zum Sommer hätte ich gern noch gemacht; dann wären vierzig Jahre komplett gewesen.

Haben Sie ihm das gesagt, dem Vermieter, mit den vierzig Jahren? Nee, sagt der Schuster, da hab ich nicht dran gedacht. Was soll’s. Dann genieße ich eben meine Rente. Ich bin ja schon 67.

Jetzt, im Jahr 2018, haben wir also keinen Schuster mehr. Meine Winterschuhe sind auch verdammt schiefgelatscht. In meinem Bildlexikon hat die Schuhmacherwerkstatt 68 Positionen. Von der Durchnähmaschine bis zum Weitfixleisten. Normalerweise werfen die Leute ihre kaputten Schuhe weg und kaufen neue. Oder sie kaufen sowieso dauernd neue Schuhe und vergessen die alten im Keller. Die genießen jetzt auch ihre Rente.

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