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Das Leiden der Männer am Gartenkult

Auf die Wunder der Gartenkunst lässt sich der Mann gar nicht erst ein
© Kopka

Am Sonntag schleppen/prügeln/locken Frauen ihre Männer zur IGA nach Marzahn. Der U-Bahnhof Neue Grottkauer Straße heißt jetzt Kienberg und ist im gärtnerischen Geist rekonstruiert worden. Nun musst du nur den Frauen hinterherlaufen, die ihre Männer im Schlepptau haben und schon bist du da. Das Gelände der Gärten der Welt (wir sind schon oft dorthin verbracht worden) eignet sich perfekt für eine Internationale Gartenausstellung, man weiß, dass man wesentlich länger dort wird zubringen müssen als die angekündigten zwei Stunden und nimmt das ergeben hin. Unter einem ebenfalls desinteressierten Himmel reckt sich eine vielfarbige Blätter- und Kräuterwand empor. Das ist ja auch das Motto dieser IGA in Berlin, „Ein MEHR aus Farben”, und angesichts diesen naiven Wortspiels und der ungewohnten Kulisse kann Mann der Veranstaltung schon nicht mehr gänzlich ablehnend gegenüberstehen, bis zu dem Moment, als ihn angeblich gebrechliche Rentnerinnen brutal beiseite stoßen, weil sie den besten Platz in der Gondel ergattern wollen (was haben Männer hier eigentlich zu suchen!).

Marzahn. Stadt, Land, Gondel

Aber gut: Die Seilbahn über der Land- und Stadtschaft Marzahn ist der Clou dieser IGA, nichts weniger als eine geniale Idee. Kein Mensch hätte Berlin und schon gar nicht Marzahn eine solche landschaftliche Vielfalt zugetraut, wie wir sie jetzt reichlich von oben herab erblicken. Waldstücke, vielfarbige Wiesen, Hügel und Senken, Wasserläufe und Teiche, Schilf, Serpentinen und lauschige Wege, Holzeinschlag, weidende Kühe und Pferde, alles umrahmt von den berühmt-berüchtigten Marzahner Neuwohnblocks. Die drängelnde Rentnerin wird wieder Mensch und protzt mit ihrer Dauerkarte, sie kann jeden Tag hierher und alle Veranstaltungen besuchen, woraufhin die Russin in der Gondel, der Klassik verpflichtet, die Barenboim-Konzerte beschwärmt.

IGA-Wiese

Die Gondel hält. Wir verabschieden uns mit Do swidania, die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. In den Blumenhallen kleine Inszenierungen in überschaubaren Beeten, die ausstellenden Gärtner waren um Ideen nicht verlegen: „Scharfer Müßiggang” heißt ein Stück mit einer Pergola aus roten Chilischoten und einem Liegestuhl.

So viel Schönheit …

… kann auch weh tun

Die Frauen machen einen glückseligen Eindruck, die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen; manchem schlägt die ungewohnte Kulisse regelrecht auf den Magen.

Scharfer Müßiggang

Ein Highlight vor der Halle ist der Mann von Garten-Primus aus Jülich mit seinem Reservoir an Gartenscheren. Er macht nicht viele Worte, die Scheren liegen ausgepackt, zum Auspropieren bereit, Zweige und Äste liegen daneben, Ratschenschere, Buchsbaumschere, Powergleitschere, Herrenschere, Damenschere, Wunderschere. Praxistest geht über Reklame. Der Jülicher zeigt die richtige Handhaltung, korrigiert den Winkel der Klinge, leichte Scheren, mittelschwere Scheren, man darf nicht den Finger dazwischen haben, sagt die Kundin. Ah ja, sagt der Spezialist, man stellt sich ja auch nicht vors Auto, wenn man Autofahren will. Mit der Schere, für die sie sich entscheidet, ist die Kundin jedenfalls glücklich.

Wasserfall …

… und Nebelgarten

Den Rückweg gehen wir zu Fuß unter den schwebenden Gondeln, so entgehen uns nicht die Installation der Wasserfälle und der Nebelgarten, „eine mystische und undurchsichtige Welt”. An hohen Wänden mit einem dichten Pflanzenkleid ziehen feine Nebel vorbei. Die Formen verschwimmen und auch du, der Betrachter, bist dir deiner selbst nicht mehr sicher.

Spiel- und Sportwiesen, ungewöhnliche Sportgeräte zum Dehnen, Lockern und Ausbalancieren stehen am Wegrand. Die Frauen probieren alles aus. Die Männer stehen steif daneben und versuchen, witzig zu sein. Der Grill ist ausverkauft, keine Rostbratwurst, keine Steaks. Auf ins Restaurant. Die Frauen laben sich an Mohnkuchen und Latte Macchiato. Die Männer würgen trostlose Käserkrainer Würstchen hinunter. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren zu groß geworden und aus der Form geraten ist, irrt mit wirrem Haar und aufgelöster Schleife durchs Lokal. Schon zweimal hat er seine Begleiterin verloren, da könnte auch Absicht dahinterstecken.

Schöne Aussicht – Hellersdorfer Fenster

Am Ende kommen die Männer nicht umhin zuzugestehen, dass auf der IGA Außergewöhnliches geboten wird. Dann finden die Frauen noch einen Gartenarchitekten und Landschaftsgestalter. Das Fachgespräch kann beginnen. Aufhören wird es so bald nicht.

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