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Die Unfreiheit auf dem Balkon

Wir haben die Freiheit, auf die Straßenbahn zu warten, und außerdem bleibt uns auch gar nichts anderes übrig
© Fritz-Jochen Kopka

Im Netz lese ich (schon eine Weile her), dass Katja Kullmann mit Sophie Rois über Freiheit reden will. Was fällt dir dazu ein?

Es ist nichts Neues und vor allem ist der Gedanke nicht von mir, sagt Sophie Reus, dass es keines Terrorregimes und keiner Disziplinaranstalt bedarf, um uns zu regulieren. Und dann erzählt sie vom Rauchen auf dem Balkon. Menschen tun das in ihren eigenen Wohnungen. Sie gehen zum Rauchen auf den Balkon. „Sie wollen mit dem widerlichen Raucher, der sie sind, nichts zu tun haben, sperren sich selbst aus und bestrafen sich”, sagt Sophie Rois.

Das ist mir auch schon aufgefallen. Wenn sie rauchen als so widerlich empfinden, dass sie es ihrer Wohnung nicht zumuten möchten, warum muten sie es sich selbst zu? Einfache Antwort: Der Mensch besteht aus Widersprüchen, die er selbst nicht versteht. Genügt das?

Ich möchte jetzt mit mir auch über Freiheit reden. Freiheit ist das Größte. Wenn ein Westler einem Ostler sagt, ihr wart ja nicht frei, und jetzt wisst ihr eigentlich auch nichts mit unserer Freiheit anzufangen, dann ist der Ostler schon erledigt.

Dabei nutzen sie von den Freiheiten, die sie haben, nur einen Teil, genau wie wir auch. Sie haben die Freiheit, großzügig zu sein, aber sie sind es nicht. Sie haben die Freiheit, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen und Empathie zu zeigen, aber sie tun es nicht. Sie haben die Freiheit, ihr Geld zu verschenken, aber sie tun, sie tun, sie tun es nicht. Wie wir auch nicht. Sie haben die Freiheit, in ihrer Wohnung zu rauchen, aber sie rauchen auf dem Balkon.

Irgendwie wirkt im Menschen ein Koordinatensystem, das ihn davor schützt, alle seine Freiheiten auszuleben. Und das ist auch gut so. Er würde es sonst nicht überleben. Er geht mit seiner Freiheit so sorgsam um wie – sagen wir – mit seinem Geld. Die Freiheit nehm’ ich mir, das ist ein guter Satz, aber jene Freiheit da und jene andere – also, auf die verzichte ich erst mal.

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