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Der im Regen blieb

Happy Rain
© Kopka

Der angesagte Regen kam am Freitagabend gegen sechs. Wir saßen im Biergarten von Schlögl in der Liebknecht-Straße (wenn sie denn noch Liebknecht-Straße heißt), der Himmel verfinsterte sich, die ersten Tropfen fielen, wir gingen rein. Verheugen musste auf die Pfeife verzichten.

Das macht dir nichts aus, sagte ich, du bist ein starker Charakter.

Es regnet nicht wirklich, sagte er, wollen wir wieder rausgehen?

Wir bleiben jetzt hier.

Ich rauche sowieso zu viel.

Es war von innen schwer zu erkennen, ob es nennenswert regnete. Aber alle Gäste hatten sich ins Innere des Restaurants verzogen, nur ein Mann saß unerschütterlich in der Mitte des Biergartens im karierten Hemd und wich nicht. Verheugen hatte begonnen, von Enttäuschungen zu sprechen. Er war begeistert beim ersten Besuch der Pizzeria al dente, er war begeistert vom Qadmos, um beim zweiten Mal zu beklagen, dass von dieser Begeisterung nichts übriggeblieben war. Das hatte auch mit der Euphorie des Primärerlebnisses zu tun, mit den Finessen der Speisen oder ihrer Exotik oder eben auch mit der charmanten Kellnerin, zu der Verheugen sofort einen Draht fand und sie zu ihm. Deshalb müssen diese Orte nicht unbedingt schlechter geworden sein. Man sollte vorsichtig umgehen, mit seiner Euphorie wie auch mit seinen Enttäuschungen.

Inzwischen hatte es wirklich angefangen zu schütten, es sah aus wie Weltuntergang, aber der Mann im karierten Hemd draußen rückte nur ein Stück in die Mitte des Schirms und wich nicht. Er aß den Berliner Teller für 1 Person mit 1 kleinen Schnitzel, 1 Boulette und einer Currywurst, dazu Bratkartoffeln und gemischter Salat mit Dressing und war keineswegs bereit, sich dabei stören zu lassen. Im Gegenteil: Er genoss die Leere um ihn herum. Als er den Gastraum betrat, um die Rechnung zu erbitten, hatte das Hemd am Rücken ein paar nasse Flecken, und auch die Haare waren nass, aber der Mann hatte dem Unwetter standgehalten. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so.

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