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Einer kennt einen …

Tief versunken so oder so …

… der gerade in Klagenfurt liest, und weiß selber, wie das ist, wenn man da sitzt und schwitzt. Zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur oder traditioneller gesagt dem Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Einer war, als er da las, noch Bürger der gerade auslaufenden DDR. Die DDR hatte oft gesiegt in Klagenfurt. Ostdeutsche Schriftsteller hatten Druck, den westdeutsche, Schweizer und österreichische Autoren nicht hatten. Sie lebten zwischen den Zeilen und in den Metaphern. Und die Juroren kamen ihren Geheimnissen auf die Spur und fanden das und sich großartig. Als sich die DDR als ziemlich ohnmächtiges Gebilde herausstellte, war der Bonus weg, und die ostdeutschen Literaten waren plötzlich die ärmsten Säue. Warum auch nicht. Die Welle schwappt zurück. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht oder Hochmut aus.

Das Studio des ORF, früher ziemlich düster und muffig, ist heute sehr weiß und clean, fast aseptisch. Eine Klinik hoher Künstlichkeit. In diesen Regionen ist die Luft sehr dünn. Vorlesen als Höhentraining.

Und da wird nun dieser eine ausgerufen, mit dem ich mal ein paar Tage in New York war zu irgendeinem Event, bei dem es um Kooperation von Wirtschaft und Kunst ging. Lange her. Ich hätte den Jungen nicht wieder erkannt. Ich weiß noch, dass er nur Handgepäck dabei hatte, aber jeden Tag was anderes anzog, zuletzt sogar ein vornehmes Jackett, kontrastiert mit einem leichten Schuppenregen. Wie hatten all diese Sache in sein Rucksäckchen gepasst! Der Zauberer, ein wenig autistisch war er unterwegs, aber was bleibt einem Künstler anderes übrig als autistisch zu sein. Auch jetzt, in Klagenfurt, ist er gut inszeniert. Ein Fremder. Wir werden ihn nicht ergründen. Er stützt das Gesicht auf die rechte Hand, wenn die Hand nicht gerade zum Wasserglas greift, aber er trinkt nicht. Er ist immer nur kurz davor. Er liest unaufgeregt, aber die Oberlippe schwitzt. Viele Frauennamen kommen vor, aber er liest aus einer sehr abgehobenen, versiegelten Welt. Er wird sich am Ende sagen können: Wer diesen Text nicht großartig findet, der hat ihn einfach nicht verstanden.

Und so ist es auch. Die Juroren, nicht die größten Geister, treten den Text in Grund und Boden. Einer kann sich in einen, der da gerade in Klagenfurt gelesen hat, sehr gut hineinversetzen. Man sollte das als ein Spiel sehen. Der deutschsprachigen Literatur ist mit dem Spiel nicht geholfen. Immerhin: Die Sieger gehen nicht leer aus. Und die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Insofern ist nichts passiert.

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