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Die philosophische Ambition

Wat sitzt Ihr denn da oben rum in diesem Irish Pub, wenn Ihr ja doch nüscht trinken könnt als Puppen? – Na ja.

Da ist es wieder: Sie können heute sachlich über Ihre Forschung diskutieren? – Na ja, ganz so ist es nicht.

Ich meine das „na ja”. In diesem Fall sagt es ein Niederländer, der Soziologieprofessor Ruud Koopmans. Ich höre dieses na ja in meinem deutschen Umfeld ständig. Und es wird nicht als Floskel, als Füllwort verwendet, sondern vielsagend, mit etlichen schwebenden Bedeutungen. Meinen Sie, dass Donald Trump sein erstes Amtsjahr übersteht? – Na ja.

Ist der Klimawechsel in Wirklichkeit nur eine Erfindung grüner Aktivisten? – Na ja.

Hat Martin Schulz doch noch eine Chance, Kanzler zu werden oder wenigstens Außenminister in einer großen Koalition? – Na ja.

Oder privater:

Findest du das richtig, dass diese Frau ihren Mann verlässt, nur weil er trinkt? – Na ja.

Dieses na ja ist das kürzeste philosophische Programm, das man sich denken kann. Und es ist irgendwie unanfechtbar. Du solltest eine bedeutsame Miene aufsetzen, wenn du na ja sagst. Und du solltest das na mit einem kleinen Fragezeichen versehen und das ja sehr lang ziehen. Wird der Flughafen Berlin-Brandenburg jemals fertig werden? – Na (?) jaaa …

Dann wird jeder denken: Dieser Mensch versteht etwas von der Materie.

Ich erinnere mich. Im Berliner Schriftstellerverband stellte Stephan Hermlin sein „Deutsches Lesebuch”, eine Auswahl exemplarischer deutscher Texte (Von Luther bis Liebknecht), das natürlich an Hugo von Hofmannsthals Deutsches Lesebuch (Von Lessing bis Rudolf Hildebrand) anknüpfte. Hermlin sprach über Leistungen und Defizite der Deutschen. Sie haben keine herausragenden Romane geschrieben und waren nicht die größten Maler. Aber in der Musik und in der Philosophie waren sie fast ohne Konkurrenz. Sowas merkt man sich. Und ich finde: Dieses unentwegt gebrauchte „Na ja” deutet auf die philosophische Ambition und Begabung der Deutschen hin.

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