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Berlin Alexanderplatz (29): Schattenflüchter

Schattenflüchter …
© Fritz-Jochen Kopka

Es ist die Zeit des Goldregens und des Flieders. Manchmal trifft uns unvermittelt eine sympathische Duftwolke, hüllt uns sein, und schon sind wir wieder vorbei. Kein Flieder mehr, S-Bahn. Am zweiten Tag ungebremster Sonne suchen wir die Schattenseite in der Bahn, aber die ist besetzt. Man sitzt und schwitzt. Im E-Book-Reader rufe ich Balzacs Verlorene Illusionen auf und bin abermals fasziniert, was der Mann in seiner Zeit bereits über die Ambivalenz der freien Presse wusste. Nicht auszuschließen, dass er gewisse Charaktere erst auf dumme Ideen brachte, was man mit einer Zeitung alles so anstellen kann. So lande ich am Bahnhof Alexanderplatz auch gleich mal im Presseshop. Da sind ein Angeber und ein Geduldsmensch aufeinander getroffen, und der Angeber ruft aus: Dafür hatte ich früher ja nie Zeit! Aber jetzt mache ich das alles. Früher hatte ich dafür nie Zeit.

… und Seifenblasenfänger

Er ist nach Berlin geeilt, trifft sich mit anderen Netzwerkern, sie arbeiten ihre Themen ab, werden aber auch das Jüdische Museum, den Bundestag, die Baustelle des Flughafens aufsuchen. Dafür! Hatte! Ich! Früher! Ja! Nie! Zeit!, ruft er abermals aus. Ihr seid also kein Unternehmen, sondern eine interaktive Gruppe, sagt der Geduldsmensch, um auch mal was zu sagen. Dafür hatte ich früher nie Zeit, wiederholt der Angeber ein übriges Mal. Ich haue ab. Mir eitern die Ohren. (Dafür hatten sie früher nie Zeit, die Ohren.) In einer Nische des Bahnhofsgebäudes hat eine Handvoll Polizeibeamte zwei Verdächtige gestellt. Die Verdächtigen werden nach allen Regeln der Dienstvorschrift auf Waffen, Drogen und Liebesperlen durchsucht. Die Polizisten gehen mit großer Akkuratesse vor, die Verdächtigen schneiden harmlose Gesichter und zeigen Geduld. Profis unter sich.

Nach einem Jahr suche ich wieder mal den Whisky Market in der Winsstraße auf. Auch in diesen stilleren Straßen flüchtet sich alles zu den schattigen Plätzen, und der Whisky Market ist mit seiner Ruhe und seinem dezenten Halbdunkel ein besonders günstiger Ort. Der Verkäufer will wissen, welche Marke ich normaler Weise bevorzuge, und weiß sofort bescheid, in Sherry-Fässern gereifte Whiskys, er könne mir aber, wenn es mir auf eine fruchtige Note ankomme, auch in Burgunder-Fässern gereifte Whiskys nahelegen. Ich entscheide mich für einen Highland Park Single Malt und bedanke mich für die Beratung. Ach, das war doch nichts, winkt der Verkäufer ab. Doch doch, sage ich, das bringt mir schon was.

The singer and the child

An der Straßenbahnhaltestelle klagt ein Mädchen ins Smartphone, dass ihr das Make up verlaufen sei in der Hitze, deshalb schminke sie sich ja selten, aber heute habe sie mal Lust dazu gehabt, und nun sei alles verlaufen. Je weniger sie zu erzählen hat, desto mehr sagt sie. Im Schatten des Funktionsgebäudes am Alexanderplatz singt jetzt Brea Robertson, eine Frau mit einer großen Stimme und einer kleinen Gitarre. Ein Kind hat sich neben dem Gitarrenkoffer niedergelassen, es hat nicht begriffen, dass es das Geldstück hier ablegen soll, die Mutter muss kommen und die Hand führen. Brea lacht, während sie singt, vor ihr hatte Lee Lo ihren Auftritt, nach ihr ein lustiger Typ, sie zupfen alle dieselbe kleine Gitarre und gehören zu einer lockeren Verbindung von Musikanten. Zusammen sind sie weniger allein auf der schattigen Seite des großen Alexanderplatzes. Vor dem Hotel verfolgen die Kleinsten der Kleinen, sofern sie schon laufen können, die Seifenblasen der Seifenblasenmacher. Ein Abenteuer der Poesie.

Sonne im Untergang

Im Haus Berlin sitzt Verheugen, von der Sonne im Beton der Innenstadt gemartert, am kleinen Tisch vorn rechts. Der einzige Tisch im Biergarten, der für ihn in Frage gekommen wäre, wird von Kartenspielern besetzt. Alle anderen sind zu sehr der Sonne ausgesetzt. Verheugen erzählt von den Wölfen Äthiopiens und davon, dass der Löwe kein Dschungel- sondern ein Savannentier sei. Du siehst wohl keine Tiersendungen, fragt er mit leisem Vorwurf. Ich sehe Sportsendungen, sage ich, das ist vergleichbar.

Wir trinken unsere fünf Bier. Dann gehen wir. Die Sonne scheint noch. Das Pflaster dampft noch. Die Kartenspieler spielen noch.

  1. lupus
    Mai 23, 2017 um 6:35 pm

    Wie (fast) immer mit einem lockeren, unterhaltsamen Stil typisch Berlinerisches rüber gebracht. Danke.

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