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Fehlstunden

Sprich klarer, Genosse. – Schon passiert.

Ich komme zurück auf Platonow, komme zurück auf den Kommunismus und die neue Sprache, die mit der neuen Gesellschaftsform Einzug halten sollte. Wenn schon der wirtschaftliche und politische Umbruch nicht die erwarteten Erfolge brachte, sollte wenigstens die neue Sprache einen Siegeszug antreten. Die Leute dachten nicht so, aber die Funktionäre auf jeden Fall. Die abgehobene Funktionärssprache machte sie in ihren Augen zur revolutionären Avantgarde.

Das Problem hatten wir in der DDR auch. Die gewöhnliche und die Funktionärssprache widerstritten in unseren Köpfen. Dabei kamen merkwürdige Statements zustande.

Ich langweile mich irgendwie nie. Ich konnte mich schon als Kind stundenlang beschäftigen. Das war so ziemlich alles, was zu meinen Gunsten gesagt werden konnte. Später, im Erwachsenenleben, war die Gefahr groß, dass man sich in endlosen Sitzungen und Versammlungen eben doch langweilte. Damals fing ich an mitzuschreiben. Diese merkwürdigen, lebensfernen Sätze, die gesagt wurden. Meine Chefs sahen das mit einer gewissen Ambivalenz. Einerseits freuten sie sich über den eifrigen Mitschreiber ihrer Weisheiten. Der Junge scheint zu wissen, wie bedeutend meine Erklärungen sind. Andererseits argwöhnten sie wohl, dass ich mich über sie lustig machen wollte. Aber sie konnten das Mitschreiben ja nur schlecht verbieten.

Und jetzt Originalton:

Zunächst wollt ich euch mal mitteilen, dass heut der neunte ist, und damit ihr darüber nicht in intellektuelles Grübeln verfallt, möchte ich euch sagen, dass in 14 Tagen der 24. ist. Na, wie soll ich’s mal anfangen. Nach allem, was ich höre, gibt’s sehr viel Lob über den „Sonntag”. Über das kulturpolitische Gesicht der Zeitung, über die Sorgen über die Sprache, über dieses und jenes, wie auch dieses und jenes manchmal nicht auf Begeisterung stößt. Obwohl ich meine, da ließe sich noch Manches besser machen, mal dieses Gedicht, auch was am Umbruch, mal dieses und jenes mehr, mal dieses und jenes weniger.

Ich wollt noch sagen, dass die 7. Tagung des ZK sicher eure Aufmerksamkeit gefunden hat. Wir haben den Bericht vom Erich Honecker gelesen, den Werner Felfe gegeben hat. Wohnungsbauprogramm Dörfer, zweitens Wissenschaft, Ergebnisse in der Praxis, drittens Sparen von Energie und Material. Der Witz besteht aber darin, dass man weniger Material für bessere Erzeugnisse einsetzt. Nicht weniger Material für ’ne Uhr, die dann so ’n schweres Ding am Arm ist. Moment, ich kann meine Schrift nicht lesen. Wir haben auch die Schwierigkeit, nun achtet mal her, wir haben je Produktionsarbeiter pro Jahr 260 Fehlstunden durch Krankheit. Und auch durch Nichtkrankheit. Jetzt kommen auch die geburtenschwachen Jahrgänge hinzu, in die Praxis, mein ich, und machen den Fachleuten noch mehr Sorgen. Man hat mir erzählt, dieses Dorf hieß früher so, sagen wir mal Schöningen, jetzt Liebenstein zwo, wir haben manchmal die Identität des Dorfes verloren, und diese Identität, die wollen wir bewahren, ich wiederhole also, die Wohnungsfrage und die Dorfproblematik, und im März haben wir Kommunalwahlen, denkt an die Blockpolitik im Dorf, da müssen noch etzliche Dinge geschehen. So, und nun komm ich wieder zum Ausgangspunkt zurück, ich hab euch am Anfang gesagt, heut ist der 9. Dezember, Werner sagt, es weihnachtet sehr, und hier ist ’n Umschlag für ihn, wir haben das lange geübt, dass das so aufs Stichwort kommt. Wenn ihr mir mal ’n bisschen Gehör schenken wollt, es ist immer so furchtbar schwer, und dann ist hier noch ’ne Luft drinne …

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