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So gleichen sich Metropole und Provinz

Noch ist der Dichter nicht erschienen, der Veranstalter zittert

Erstmals betreten wir das neue Kulturhaus Karlshorst (Leitung Frau Krüger, Mitarbeit Frau Werner, Frau Kirsch) zu einer Veranstaltung, die eintrittspflichtig ist. Neue Architektur an der Peripherie: Dazu gehört dann etwa, dass das Haus nur Nebeneingänge hat, hinten rum, was auch vielleicht erklärt, warum man noch nie da war. Ein Mann kommt uns auf der Treppe entgegen, weinrotes Hemd, schwarze Weste, schwarzer Backenbart. Wie aus einem alten Kinderbuch herausgeschnitten. Ein Vorraum mit Tresen. Anscheinend nicht der unwichtigste Teil des Kulturhauses. Die kulturelle Klasse von Karlshorst ist erschienen und versorgt sich mit Wein. Ein in die Breite gezogener lichter Raum, ein Büchertisch mit Verleger. Ein keines Podest, darauf ein rundes Dichtertischchen mit einem Dichterstuhl und einem Literaturvermittlerstuhl. Ein paar Reihen Zuschauerstühle, zwei Ledersofas für jene Vertreter der kulturellen Klasse, die besonderen Wert auf Behaglichkeit legen. Der Dichter erscheint in schöner Gelassenheit als einer der letzten. Der Moderator und Literaturvermittler war schon dabei, sich zu sorgen. Es ist in der Tat jener weinrote, aus dem Kinderbuch herausgeschnittene Mensch. Ein Mittler, wie er im Buche steht, zum Beispiel bei Goethe. Er würdigt den Dichter, er würdigt das Kulturhaus, er würdigt seine Veranstaltungsreihe, er würdigt den neuen Gedichtband des Dichters, er würdigt die Illustrationen in diesem Gedichtband, er würdigt den Verlag und den Verleger, er würdigt die Stadt Berlin, er würdigt ein Buch über die Stadt Berlin, das er herausgegeben hat, er würdigt die Dichterin, die als nächste in dieser Veranstaltungsreihe auftreten wird, er würdigt die Fenster dieses Salons, denen die Veranstaltungsreihe (Literatur am Fenster) ihren Namen verdankt. Zwischen den Würdigungen darf der Dichter Gedichte aus seinem Band lesen, aus seinem Leben und von seiner Dichterwerdung erzählen. In der ersten Reihe lauscht eine ältere Dame, die unlängst gestürzt sein muss. Ihr Gesicht ist versorgt, aber doch noch mitleiderregend lädiert. Auf dem Ledersofa genießt ein stattlicher Herr hörbar seinen Wein, schnauft, wälzt sich zur Seite und verfolgt den Gedichtvortag Wort für Wort im Buch. Stolz registriert er, wenn sich der Dichter verliest.

Ich erinnere mich, wie wir vor langer Zeit im Herrenhaus Libnow in der Unteren-Peenetal-Region eine Kulturveranstaltung erlebten. Die Atmosphäre war ähnlich gediegen. So gleichen sich Metropole und Provinz.

  1. Jürgen Engler
    April 25, 2017 um 3:02 pm

    Ein wunderbarer Text, um nicht zu sagen: ein würdevoller. Und es ist zu hoffen, würde ich meinen, dass ihn der Mittler bei seiner nächsten Veranstaltung angemessen würdigt. Kulturschaffende (Blogger eingeschlossen) sind Würdenträger; da kann man schon mal würdige Worte machen.

  2. April 25, 2017 um 4:35 pm

    Die Welt könnte viel besser sein, wenn wir alle viel mehr würdigende Worte für einander und auch für uns selbst fänden und dies nicht nur dem Mittler überließen.

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