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Der Ostdeutsche in der Schülerrolle

Ich weiß nicht, ob mir dieses Haus in der Berliner Friedrichstraße gefällt. Ist wahrscheinlich sehr hell drinnen, wenn es draußen sehr hell ist.

Ich sehe nur mal so (vielleicht auch wegen Wegwerfen, Aussortieren) meine älteren Papiere durch. Ein handschriftliches Blatt geht offenbar auf eine Veranstaltung des Christa-Wolf-Kreises zurück. Damals, 1994, 1995. Da konnten evaluierte Ost-Professoren, die seit der Einheit kein Publikum mehr hatten, ihren Redeströmen freien Lauf lassen. So ging das: „Die Aufklärung hat sich stets übernommen, wenn sie die Rolle der Religion übernahm.” „Mehreren Disziplinen gerecht zu werden schließt Dilettantismus ein.” „Von den vielen Akademikern werden nur wenige Intellektuelle. Dazu gehört das Wagnis, sich in der Öffentlichkeit auf Orientierungssuche zu begeben.” „Der Reichtum an intellektuellen Varianten kann in Krisenzeiten nicht groß genug sein.” „Was nicht ins Objektive explodieren konnte, implodierte im Subjekt.” „Verinnerlichung des Widerspruchs Regimeträger und Regimegegner in vielen Individuen.” „Wer übersiedelte, schwächte das Regime, aber auch das Oppositionspotential.”„Es ist gar nicht menschenmöglich, seine Lebenswelt aufzugeben. Sie ist nicht verfügbar.” „Der Schüler von heute darf Fehler machen und trägt nicht die volle Verantwortung für seine Zukunft.” „Der Westdeutsche kann den Amerikaner des Marshall-Plans spielen.” „Der Ostdeutsche ist an die Schülerrolle gewöhnt, kann mit ihr umgehen und sie unterlaufen.” „Die Intellektuellen haben Schwierigkeiten, die Schülerrolle anzunehmen.” „Der Zyniker ist der nicht angekommene Intellektuelle.”

Christa Wolf sagte dann: Seit 1965 hatte ich zwischen falschen Alternativen zu wählen. Ich habe mich als gescheitert gesehen und hab nach Analogien gesucht. Günderode, Kleist. Ich wusste, dass ich nicht mehr unangefochten leben konnte. Wie anfechtbar vieles war – ich hätte nicht anders handeln können. Hätte nicht rübergehen können.

„Sozusagen” war sozusagen das große Humboldt-Uni-Wort. Jeder Professor musste in jedem Satz das Wort sozusagen unterbringen. Das gab ihm die Chance, sozusagen schon mal den Aufhänger für den nächsten Satz zu finden. Diese „sozusagen” habe ich alle weggelassen. Man muss sie sich sozusagen dazu denken, wenn man sich einen sozusagen realistischen Eindruck verschaffen will.

 

  1. lobo
    April 13, 2017 um 1:06 pm

    Guten Tag, Fritz, Das Suchen, Kramen in alten Papieren lohnt sich bei Dir richtig. Da hast Du was Intellektuelles gefunden, was ich nicht mehr wegwerfen noch weglegen würde! Mit anderen Worten, das werde ich genau mit diesen Zeilen machen.
    Danke Fritz

  2. April 13, 2017 um 1:24 pm

    Was nun? Weglegen oder Wegwerfen?

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