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Existenzielle Hirngespinste

Damals standen an dieser Ecke noch Häuser. Die Stadt gefiel Hubert Schuberts Oma trotzdem nicht. Sie war aus dem Elsaß und hasste die Franzosen und die Schlager.

Ich bin ja schon wie meine Oma, dachte Hubert Schubert. Aber wirklich besorgt war er nicht. Ihm ging die Musik aus dem Radio auf die Nerven. Und das war bei seiner Oma damals in den fünfziger Jahren auch so gewesen. Sie regte sich richtig auf. Ihre besondere Abneigung galt Caterina Valente. Wir machten uns darüber lustig. Unsere Oma war eben altmodisch. Die kam mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Aber warum sie deshalb so wütend werden musste, das war schon absurd. Und nun das. Hubert Schubert gingen die Songs der neueren Zeit auf die Nerven. Wirkte er jetzt auf sein Umfeld so wie einst seine Oma auf das ihre? Nach all den Jahren musste er ihr zugestehen, dass sie ein feines Gespür gehabt hatte. Sie hätte bestimmt nicht sagen können, was sie an den Schlagertypen störte, aber sie witterte den Sex in Caterina Valentes Stimme, das war die pure Erotik, und dieses für seine Oma unbenennbare Phänomen regte sie auf. Seine Oma war bigott. Hubert Schuberts Mutter sagte, sie habe ihre Mutter nie auch nur annähernd nackt gesehen. Sie könne sich überhaupt nicht erklären, wie es zu ihrer Zeugung gekommen war. Deshalb fühle sie sich auch manchmal so unwirklich. Sei sie wirklich vorhanden, oder sei sie nur eine Einbildung? Und ihre Kinder, Marita, Josefine und Hubert – wenn sie selbst nicht wirklich war, weil es zu keiner Zeugung bei ihrer permanent bekleideten Mutter gekommen sein konnte – konnten dann ihre Kinder wirklich existieren? Um Himmels willen, dachte Hubert Schubert, hör auf damit, wohin führt uns das …

 

  1. madge1946
    April 5, 2017 um 10:48 pm

    Also eine gute Stimme hatte die Valente, aber sehr erotisch fand ich die eigentlich nicht. Wenig Timbre, aber schöner Stimmumfang.
    Es gibt ein sehr schönes Buch von Dieter Bartetzko „Wo meine Sonne scheint“ über die Valente, diese ganze bundesdeutsche Wirtschaftswunder-Epoche der 50er Jahre. Da war die Valente ja auch eine merkwürdige Mischung aus Anpassung und andererseits auch Grenzüberschreitungen. Manfred Krug beschreibt irgendwo diese Geschichte, wo er im Studio bei Aufnahmen ist und es fehlt wohl die Gitarre. Die Valente, die zufällig auch im Studio war, hat das ohne großes Theater übernommen. Profi eben.

  2. April 13, 2017 um 1:35 pm

    Ich weiß nicht, ob die Erotik vom Timbre der Stimme abhängt, ich denke eher nicht. Das ist vielleicht auch ’ne persönliche Sache, funktioniert nicht bei jedem.
    Was ich noch weiß: Die Valente hatte trotz ihres Ruhms Schwierigkeiten, die Männer zu bekommen, die sie wirklich wollte. Wenig Glück in der Liebe. Habe ich irgendwann mal irgendwo gelesen. Und wenn man mit diesem Sehnsuchts-Hintergrund singt – also da kann schon ordentlich Erotik mitschwingen …

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