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Hosiner trifft

„Spietzenreiter” – rauschhaft, glücklich, bedenklich
© Kopka

Dieses Mal war Hans, der Opernsänger, wieder dabei: das Montagabendspiel, Union kann Tabellenführer werden, wenn der Club aus Nürnberg, allerdings unser Angstgegner, besiegt wird. Ich sehe die hohe Gestalt des Sängers in der Dunkelheit und begrüße ihn mit dem Postillion von Lonjumeau. Obwohl ein friedlicher Mensch haut er sofort eine Runde Bier rein, dann gehen wir die letzten Schritte zur Alten Försterei. Wohin mit dem Plastikbecher? Sensible Menschen, die es hier in Spurenelementen auch gibt, lassen ihn nicht einfach fallen, sondern stellen ihn auf einen Verteilerkasten. Papierkörbe stehen nie dort, wo sie am notwendigsten sind.

Die geballte Masse vor den Eingangstoren. Die Kontrolleure nehmen es heute besonders genau. Wir fürchten, den Anpfiff zu verpassen, und wundern uns über die Geduld der ansonsten doch so leidenschaftlichen und ungerechten Fans, die diese lange Wartezeit einfach so hinnehmen. Im Gegensatz zu den Papierkörben: Der Pragmatismus ist da, wo er dringend gebraucht wird.

„Steht das Schwein auf einem Bein …” – daran muss ich denken. Der Fan steht auch mehr oder weniger auf einem Bein. Für die Erfolgsserie des 1. FC Union ist das Stadion echt zu klein. Wie soll das erst werden, wenn wir aufsteigen sollten? Zu einem so späten Zeitpunkt der Saison stand Union noch nie so gut da in der neueren Zeit.

Die Partie wird messerscharf geführt, bissige Zweikämpfe, für meinen Geschmack spielt sich zuviel auf engem Raum ab. Das Spiel müsste dringend auseinander gezogen werden, aber die Gegner haben sich einfach ineinander verbissen; und die Union-Fans tun das, was sie am besten können: Sie singen und singen, und plötzlich setzt auch Hans, der Opernsänger, ein. Er ist eine Oktave über der Masse, und sein Heldentenor hat einen silbernen Glanz, man möchte verzückt lauschen und Beifall spenden – nicht so der gewöhnliche Union-Fan, der sowieso überzeugt ist, dass er selbst am besten singt.

Der in seiner Harmlosigkeit kaum zu überbietende Schiedsrichter Dr. Jochen Drees, ein deutscher Arzt aus Bad Kreuznach, weiß die Fouls nicht richtig zu bewerten. In diesem Fall geschieht das seltene: Sein Köper bestraft ihn. Der gute Doktor muss das Spiel für fünf Minuten unterbrechen, um seine Oberschenkelmuskulatur behandeln zu lassen. Es ist schon spät. Wir sind im letzten Zehntel des Spiels und es steht immer noch 0:0. Da bricht Steven Skrzybski (wir werden nicht müde, die Schreibweise dieses Namens zu üben) auf der rechten Seite gegen mehrere Gegenspieler durch und der eingewechselte Philipp Hosiner drischt den Ball ins Tor. 83. Minute 1:0. Sechs Minuten Nachspielzeit. Union lässt nichts mehr anbrennen.

Nürnbergs Trainer, der Köllner heißt, meint, dass die Auszeit des Schiedsrichters sein Team aus dem Konzept gebracht hat. Auf was für Ideen ein Trainer doch in seiner Not kommen kann!

Die Fans sind wie im Rausch. Sie werden sich der neuen Lage bewusst, und was skandieren sie jetzt? Ho, ho, Spietzenreiter, Spietzenreiter. Dieser lang gezogene Vokal – da, wo er nicht hingehört – macht den Ausruf zur Ikone. Es ist das Modell Mattuuuschka, der Held vergangener Jahre, auf den das schönste Union-Lied gedichtet wurde. Wie kommen sie auf solche Ideen? Dieser langgezogene Vokal, dieser Regelverstoß, das hat etwas von einem Zauberspruch an sich. Magie.

Die Fans stehen noch lange unter dem Eindruck dieses Spiel und dieser ungewohnten Situation. Können sich einfach nicht vom Stadion und von ihresgleichen trennen. Wie wird es sein, wenn wir aufsteigen. Das Stadion wird immer ausverkauft sein. Die Preise werden steigen. Der Schwarzhandel wird blühen. Fußball als Luxusobjekt? Mondpreise für Tickets, Bier und Bratwurst? Wird ein schleichender Austausch der Fans stattfinden? Ein Umschlagen der Stimmung? Noch, noch, noch ist es nicht so weit.

  1. lobo
    März 22, 2017 um 9:10 am

    Schön lebhaft, flüssig, der Stimmung angemessen geschrieben. Bitte mehr davon!

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