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Stadt-Tag II

Ein wichtiger wunder Punkt der Stadt

Immer noch Friedrichstraße: das Dussmann-Kulturkaufhaus. Wenn ich schon mal in Stadtmitte bin, dann gehe ich da auch rein. Sie haben umgebaut. Ich finde meine Lieblingsabteilung mit den Insel-, Manesse- und Wagenbach-Salto-Büchern nicht mehr. Im English-Book-Shop hat sich eine mittelblonde Frau festgelesen. Ab und zu bricht sie in ein kurzes Gelächter und dann wieder in ein heftiges Schnaufen aus, man kann das kaum auseinanderhalten. Frauen halten hier auch gerne gemeinsam mit ihren Hunden nach Büchern Ausschau. Mir fällt ein besonders manierlich angezogenes, kleines, langgestrecktes Exemplar auf, aber ehe ich fragen kann: Darf ich mal Ihren Hund fotografieren?, sind die beiden Leseratten zwischen den Regalen verschwunden. Das Reich der DVDs wird immer unermesslicher; vor dieser Überfülle resigniere ich, die Filme, Dokus und Serien schlagen sich gegenseitig tot.

Medien & Lampen im Dussmann-Haus

Früher standen die Schachbücher beim Sport, frage ich einen der kundigen Mitarbeiter, wo finde ich sie jetzt? Unter Philosophie? Nein, sagt der Mann, schauen Sie bitte bei Spiele. Das ist ja genau das andere Extrem, sage ich. Ich hege immer noch die Hoffnung, dass ich mal ein Schachbuch finde, dass mir irgendwie auf die Sprünge hilft und mich nicht mit Philidor-Verteidigungen, Ponziani-Eröffnungen und Bogoljubow-Systemen plagt.

Der Schriftzug BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE, die gläserne Überdachung der Bahnsteige und die Straßenüberführung des Gleises – das ist der letzte authentische Anblick an diesem Ort. Und jetzt kommt mir ein Mann entgegen, er ist nicht mehr so bekannt wie noch vor Jahren, ich würde gerne sagen: Sind Sie nicht der Küppersbusch, und er würde sich freuen, aber ich lasse es lieber.

Eine junge Frau scheint sich bei einem Treppensturz das Bein gebrochen zu haben. Sie sitzt auf einer Bank. Neben ihr hockt der Sanitäter von der Feuerwehr. Er hat eine Schiene und einen Notverband angelegt; nun misst er ihre Werte. Dabei redet er so ungezwungen, dass sie schon wieder lächeln kann. Ein Kollege kommt mit einem Rollstuhl, sie helfen der Frau hinein, ab geht’s in die Klinik. Hätte schlimmer kommen können.

Eigentlich habe ich jetzt schon wieder genug von der Mitte der Stadt, steige aber noch mal am Alexanderplatz aus, wo ich vornehmlich auf Primark-Kunden und Straßenmusiker treffe. Eingangs der Karl-Marx-Allee haben sie den dem Abriss preisgegebenen Wohnblock mit STOP WARS veredelt.

Letzte Message des alten Wohnblocks

Ich klingele drei Mal lang bei Verheugen, ehe sich da was regt. Der Herr ist gerade dabei, sein Mittagsmahl zuzubereiten. Ich dachte, wir könnten ’ne Haxe essen gehen, sage ich und sehe, wie sein Gesicht einen verstörten Ausdruck annimmt, wie soll er denn jetzt den Kochvorgang stoppen, hätte ich nicht zehn Minuten vorher klingeln können? Wer weiß, was dann gewesen wäre. Und wäre ich zehn Minuten später gekommen, dann hättest du dir schon die Wampe vollgeschlagen.

Wampe vollgeschlagen! So spricht man nicht übers Essen. Keine Lebensart.

Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär und der Inhalt der Rohre frisches Bier
© Kopka

Verheugen ringt um Konzentration, stellt die Kochplatten ab, legt die Hauskleidung ab und die Ausgangskleidung an. Noch immer versucht er, sich auf die veränderte Lage einzustellen, aber dann sitzen wir im Münchner Hofbräu, ordern die resche Haxe und die Maß Bier, die wirklich sehr erfrischend ist. Die Haxe ist so resch, dass man selbst mit dem gezackten Spezialmesser Schwierigkeiten hat, sie zu zerschneiden. Es ist Essen, es ist auch Arbeit, und man sieht, dass man durchaus an seine Grenzen stößt. Man ist schon lange satt, aber da ist immer noch Fleisch am Knochen; daran werden wir nicht scheitern. Um diese Zeit ist noch nicht viel los im Hofbräu am Alexanderplatz, aber die Musi beginnt langsam zu spielen, die weiß-blau gedirndelte Kellnerin gibt sich immer ausgelassener, und wir rätseln, was durch die dicken Rohre fließen mag, die sich durch die Restauration ziehen. Ich sage: Bier. Verheugen stößt seinen Obstler um und tupft die Flüssigkeit mit Servietten weg. Früher hättest du dich nicht gescheut, das aufzuschlürfen. – Du hast ja’n Knall.

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