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Paul Auster im Großen Sendesaal

Das wichtigste Buch liegt immer auf dem Schoß
© E. T.

Mit gerade siebzig Jahren bringt Paul Auster seinen größten und bedeutendsten Roman heraus, und Radio Eins präsentiert die Deutschlandpremiere von „4321“  aus dem Rowohlt Verlag im Großen Sendesaal des RBB. Soll sofort ausverkauft gewesen sein, geben die Veranstalter an, und stimmt, man reißt uns die überzählige Karte förmlich aus den Händen. Reihe 3, Platz 13 bis 15. Einige Ehemalige haben sich eingestellt, ein Staatsminister, eine Intendantin, ein kleiner Detektiv. Eine Dame aus der kulturellen Klasse stolpert auf ihren Platz in der ersten Reihe zu, nach einer Weile verliert sie ihre Brille, die sie sich schick ins Haar gesteckt hatte. Ist wahrscheinlich weniger cool als gedacht; finde ich gut. Der Staatsminister, um auf ihn zurückzukommen, tritt ans Pult und begrüßt seinen, ja, man kann wohl sagen, Freund Paul Auster mit warmen englischen Worten. Michael (oder Mike) Naumann spielt den Elder Statesman mit Mitteilsamkeit, Geselligkeit und Frohsinn; dem Publikum nähert er sich mit kurzen verbindlichen Gesten an, und am Ende seiner Einführung sagt er schlicht und deutsch: Ich liebe diesen Schriftsteller. Meine Begleiterinnen sind von Naumann angenehm überrascht, sie mäkeln dafür um so mehr am Moderator rum, der das Gespräch mit Paul Auster aus einer großen Vorbereitungsmappe heraus in, wie sie meinen, biederem Schulenglisch führt, ja, why not.

Auster in Schreibschrift

Wir wollen von Paul Auster reden. Ich glaube, „The Music of Chance” war der erste amerikanische Roman, den ich im Original las, morgens und abends in der S-Bahn, wo ich kein Wörterbuch dabei hatte, und es ging gut, das wird mich für immer mit Auster verbinden. So stellte man sich damals einen postmodernen Autor vor, einen Kafka der Jetztzeit usw. Gelegentlich dachte man, man habe Auster mit all seinen literarischen Tricks entschlüsselt, aber er hatte immer wieder Neues zu bieten. Und nun dieser Roman von 1200 Seiten. Er liegt, thick as a brick, in seinem Schoß, ein Fundament seiner Kreativität. Auster ist zur Zeit körperlich nicht in allerbester Form, die Beine sind eine Winzigkeit schneller als der Oberkörper, er kann nicht seine Lieblingsjeans tragen, doch sein eulenäugiger Charme ist überwältigend. Manchmal ist er selbst überrascht von den Bonmots, die ihm zufallen. Die linke Hand begleitet seine Worte mit munteren Gesten, während die rechte sparsam und ausgleichend eingreift.

 

Paul und Fritz (von rechts)         © J. T.

Paul Auster erzählt, dass ihn die Idee für dieses Buch beim Frühstück überraschte, sie war sofort in großer Deutlichkeit vor seinen Augen, während sie sich normalerweile nur zögerlich über längere Zeiträume ausformt. Zunächst sollte der Roman „Ferguson” heißen wie sein Protagonist Archie Ferguson, aber dann ereignete sich jener Vorfall in der Stadt Ferguson, ein weißer Polizist erschoss einen Schwarzen, es gab Proteste und gewalttätige Tumulte, der Titel wäre irreführend gewesen, und so wählte Auster „4321”, was meint, dass der Held uns in vier unterschiedlichen Lebensläufen gegenübertritt: Auster ist wieder bei einem seiner Lebensthemen, der Musik des Zufalls. Zufälle können dein Leben total durcheinanderbringen, es kann entscheidend sein, ob du die Hauptstraße wählst oder eine Nebenstrecke. Ein schönes Muster für den Erzähler: Was folgt aus einem unscheinbaren Detail? Die Verwicklungen ausmalen, das Beziehungsnetz zu anderen Figuren umknüpfen.

Man kam sich näher

Hanns Zischler liest gekonnt und souverän ein Kapitel aus der deutschen Übersetzung, Paul Auster eine Passage aus dem Original, er liest schnell oder eben in dem Tempo, das der Text braucht, man versteht vieles nicht, erkennt jedoch die Rhythmik, die Dynamik und die Poesie der Sprache – das wäre ohne die Anwesenheit des Dichters nicht möglich gewesen, der anschließend mit lässigem Charme und brennender Geduld wohl einige hundert Bücher signiert.

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