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Der Reader und die Lektürelücken

Eine Bibliothek entsteht

Eine Bibliothek entsteht

Nicht ohne meinen E-Book-Reader betrete ich die S-Bahn oder den Regionalzug, nicht ohne meinen E-Book-Reader bette ich mein Haupt zur Nacht. Ich hätte mir so ein Gerät sicher nicht gekauft, kann aber nicht ausschließen, dass ich öfter damit gerechnet habe, eines geschenkt zu bekommen. Und so ist es geschehen.

Ich setze natürlich weiter auf wirkliche Bücher. Ich denke fast, dass ich jetzt ein schönes Buch mit schwerem weißen Papier und wie es in meiner Hand liegt noch mehr zu schätzen weiß. Aber wir kommen in unserem Leben nicht aus ohne das Neue, auch wenn wir uns noch so unempfindlich geben. Ab und zu belebt das Neue eben doch unser Dasein. Für mich war es echt animierend, wie ich mir in kurzer Zeit für wenig oder auch gar kein Geld eine kleine E-Book-Bibliothek zulegen konnte. Die Klassiker kosten in den alten Übersetzungen so gut wie nichts. Dostojewski, Tolstoi, Stendhal, Balzac, Flaubert. Auf diese Art kann ich einige Lektürelücken schließen. Ich fing an mit einigen Petersburger Erzählungen von Nikolai Gogol, besonders natürlich „Der Mantel”, dieses rührende Stück eines seltsamen, von allen verlachten Mannes. Anschließend Dostojewski „Spieler”. Den habe ich sicher früher mal als Buch gelesen, aber ich fand ihn jetzt als E-Book auffällig modern. Der Roman ist gerade kurz genug, dass Dostojewski keine abendfüllenden weltanschaulichen oder politischen Dialoge einbauen kann, woran ihm offensichtlich sehr lag, aber diesem Buch tut der straffe Handlungsfaden sehr gut.

Dann waren meine größten Lücken, bei den Franzosen nämlich, dran. Ich hatte überhaupt keinen Eindruck von Stendhal, jetzt, nach „Rot und Schwarz” habe ich den. Stendhal hatte das – wenn man so will – Sachbuch „Über die Liebe” geschrieben. Er fühlte sich auf diesem Gebiet als Experte, das merkt man in „Rot und Schwarz” alle naselang. Während er die Handlungselemente bemerkenswert knapp und ohne Fisimatenten niederschreibt, widmet er sich den Liebesbeziehungen zwischen Julien Sorel und Madame de Renal und zwischen Sorel und Mathilde de la Mole in alle Verästelungen und Umschlägen. Die Position des Stärkeren wechselt ständig. Da entsteht eine heftige Dynamik im Roman. Nicht zuletzt stellte ich fest, dass Julien Sorel ein Vorläufer von Patricia Highsmith’ Tom Ripley ist. Er ist genau dieser Typ des eleganten, gutaussehenden, willensstarken Unmenschen, der die Leute auf seine Seite zu ziehen vermag, was auch immer Ehrenrühriges er angestellt haben mag. Er ist der Mann, der der Welt nicht verzeiht, dass er in ärmliche Verhältnisse hineingeboren wurde.

Ja, so sieht’s aus mit meinem E-Book-Reader. Im Moment bin ich bei Nikolai Leskow, den Walter Benjamin für den exemplarischen Erzähler hielt („Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, welche rechtschaffen etwas erzählen können.”). Nicht zu Unrecht natürlich. Was tat Benjamin schon je zu Unrecht.

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