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’n Fuß in eine fremde Stadt setzen

Die Stadt, die auf sich hält

Wenn ich mal ’ne Kur kriege, warum nicht

Auf dem Bahnhof von Bad Wilsnack pfeift ein Greis, der aus dem Zug von Berlin gestiegen ist, das Rennsteiglied und kann gar nicht wieder damit aufhören, obwohl er sich orientieren muss in dem Städtchen. Und obwohl das Rennsteiglied nicht hierher gehört. Diesen Weg auf den Höhen bin ich oft gegangen. Es gibt hier keine Höhen. Einige Leute von den wenigen, die man auf den stillen Straßen sieht, benötigen Gehhilfen zur Fortbewegung. Der Greis hört auf, das Rennstieglied zu pfeifen, und spricht ins Handy. Er ist ein moderner Greis. Vom Rennsteiglied abgesehen.

Bad Wilsnack, die Stadt in der Prignitz mit 2500 Einwohnern, zerfällt am Bahnhof in zwei Hälften. Den Stadtteil und den Kurteil. Kliniken, Residenzen, Parks. Als wäre es selbstverständlich, trippeln Pfauen mit prächtigen blauen Kämmen die Treppen herauf und herunter. Im Kindergarten werden vier Kinder betreut.

Der Stadtteil auf der anderen Seite des Bahnhofs hat seinen Höhepunkt nach zehn Minuten Weg, an Vorgärten und Einfamilienhäusern vorbei, auf dem Markt mit der großen Nikolaikirche, zu der man früher wallfahrte, weil dort heiliges Blut aufbewahrt wurde und man Ablassscheine kaufen konnte. Der Markt hat noch die Form eines langgestreckten Angers. Zu beiden Seiten alte Häuser mit Apotheke, Restaurants („Der Grieche”), Kunsthandwerk, Mode, Fleischerei mit Imbiss, Bäcker mit Imbiss. Frau Heusmann erzählt aus der Bibel. König David, der bedeutendste König Israels.

Der Bewohner der Kurstadt ist geneigt, den Fremden zu grüßen. Er sagt „Servus” oder „Guten Appetit”. Der Fleischer im Fleischerimbiss ist in den Hinterräumen verschwunden. Ich werde seine Buletten nicht essen können. Der Grieche richtet die Tische vor seinem Restaurant her. Das Antiquariat hat nur zweimal in der Woche geöffnet. Der Hähnchenverkäufer hat kein Wechselgeld, aber gute Laune.

Es war ja nur ein halber Tag

Es war ja nur ein halber Tag

Am Bahnhof wird vor schnellen Zugdurchfahrten gewarnt. Eine ungewöhnliche Menschenmasse von zwölf Personen wartet auf den Zug nach Berlin. Im Zug sprechen zwei Männer vom Auf und Ab eines Menschenlebens, von Hochzeiten, Kindern und Scheidungen. War schön, sagt der eine Mann zu einem kleinen Mädchen, war doch schön, mit Papa etwas unternommen zu haben. Das Mädchen äußert sich dazu nicht. Es soll sich diese Worte einprägen, um sie später wiederzugeben, wenn sie bei der Mutter ist. War schön mit Papa was zu unternehmen. Oder unternommen zu haben. Wenn sie’s denn sagt.

 

 

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