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Stumm und verstört am Rand

Als wär’s ein Stück von ihr – Siri Hustvedt

Als wär’s ein Stück von ihr – Siri Hustvedt

Das neue Jahr ist schon alt. Fast schon zu spät, um noch einen letzten Blick auf den Aufbau-Literaturkalender 2016 zu werfen. Vorne drauf Siri Hustvedt, die blonde Frau Paul Austers, norwegischer Herkunft, ich habe noch immer kein Buch von ihr gelesen, obwohl zwei im Regal stehen, nur ein Interview, in dem sie etwas zu oft zu ihren eigenen Bemerkungen lachte, was mich stutzig machte, ist aber vielleicht auch blöd vom Interviewer, immer zu notieren: … (lacht). Das will ich gar nicht wissen. In der 1. Woche Franz Hessel, der Vater aller deutschen Flaneure, Spazieren in Berlin, Spazieren in Paris, er sieht fast aus wie ein tibetanischer Mönch, kurz geschorene Haare, weiße Kleidung, einen Strohhut auf dem Knie abgelegt. „Langsam durch belebte Straßen gehen, ist ein besonderes Vergnügen.” Im Februar Thomas Bernhard, die Abbildung ein Composing nach einem Foto, das Gesicht des Dichters resoluter als im Realen. Ich las „Wittgensteins Neffe”, und Verheugen fragte mich, wie es mir gefiel. Gut, sagte ich, schön nacherzähltes Leben, aber was ist daran Kunst? Da wurde er fuchsteufelswild, Verheugen. Die großen entrückten Augen Inge Müllers, die den Freitod wählte, Spätfolge vielleicht eines dreitägigen Verschüttetseins nach einem Bombenangriff. Harper Lee auf einem Liegestuhl auf einer Terrasse in Monroeville. Die Zigarette in der Linken, sportlich sieht sie trotzdem aus. Mit dem Welterfolg von „Wer die Nachtigall stört” trat sie in die Literatur ein, und ihr Gesicht scheint zu fragen, warum danach nichts mehr ging. Eine Seltenheit ist ein Bild von Margarete Steffin, eine Geliebte und Mitarbeiterin Brechts, mit dessen Familie sie 1933 emigrierte. Brecht ließ sie mit einer Tuberkuloseerkrankung in Moskau zurück, während er weiterzog nach Amerika. Sie starb 1941. Man möchte es nicht wahrhaben. Das Bild zeigt ein unwiderstehliches Lächeln, die Hände in einer unentschiedenen Bewegung, die kurze karierte Jacke, alles sieht so nach Zukunft aus. Elizabeth von Armin, die Gartenschriftstellerin, gewiss nicht uneitel vor dem Spiegel. Um den Spiegel herum sind Hundebilder platziert, ihr Kleid (oder Morgenrock) ist mit Blumen verziert, mit Männern hatte sie kein Glück. Fritz J. Raddatz in einer der von ihm geliebten hochanimierten Posen, er dachte, sprach, schrieb schneller als alle anderen, hielt sich darauf viel zu Gute und war – sein zweites Tagebuch zeigt es – in seinen letzten Jahren bestürzend desillusioniert. Das Kindergesicht von Marina Zwetajewa unter einer voluminösen Pelzmütze. Das steht ein schöner und schmerzlicher Satz unter dem Bild: „Ihre Liebe zu Frauen und Männern war auch im Verzicht maßlos.” Arthur Rimbaud auf einer Zeichnung von Paul Verlaine, eine Pfeife mit langem Schaft und kleinem Kopf rauchend, noch in der Versonnenheit rebellisch, vor ihm aufgereiht Tassen, Gläser, Flaschen und Buchstabenkolonnen. Am Ende des Jahres dann Robert Walser, der Dichter, den man 1956 tot auf verschneiten Wegen fand in der Nähe der Heilanstalt Herisau, deren Patient er war. Walser war nicht wie Hessel Flaneur, sondern Wanderer oder besser Fußgänger. Einmal war er die Strecke zu einer Lesung um die acht Stunden zu Fuß gegangen. Er kam völlig erschöpft und derangiert am Veranstaltungsort an. Ein anderer musste Walsers Texte lesen. Walser saß stumm und verstört am Rand.

*

Und nun noch was: Am Ende des Jahres 2016 erinnerte man noch einmal an die großen Toten, die im Verlauf des Jahres gestorben waren. Es ist so zufällig wie zwangsläufig, dass der Name Hermann Kant dabei kein einziges Mal erwähnt wurde. Kant war im Juni 90 Jahre alt geworden. Der Aufbau-Verlag richtete in Neustrelitz eine Ehrung für seinen Autor aus. Da kamen viele Leute, die Kant zu danken wussten, auch wenn er oder gerade weil er bekennender Sozialist und Exponent der DDR war. Bald darauf starb Hermann Kant. Unter den Nachrufen konnte man auch diesen von Wolfgang Thierse lesen: „Die gut lesbare ›Aula‹ und der ernsthafte ›Aufenthalt” – das sind wichtige Bücher des Autors Kant, ansonsten viel oberflächliches, eitles und apologisches Geplauder. Der Funktionär Kant bleibt mir in unangenehmster Erinnerung als brutal und verlogen und bis zum Schluss zu wirklich selbstkritischer Einsicht weder fähig noch willens.”

Mir wurde übel. So nennt man das also, wenn jemand bei seiner Haltung bleibt, auch wenn der Wind sich gedreht hat. So hört sich das an, wenn Mittelmaß sich über Größe erhebt. Hermann Kant war sicher auch ein harter Mann. Er war nach der Wende in sich gegangen, ohne Lärm zu machen. Zog sich zurück nach Prälank in Mecklenburg, in einen Bungalow, der im Winter einfach nicht warm zu kriegen war. Er hörte nicht auf zu schreiben. Was auch immer er falsch gemacht haben mag im Leben, durch das niemand kommt ohne Schuld – er hörte nicht auf zu kämpfen. Und das ist Größe. Davon wissen die Thierses dieser Welt nichts.

 

  1. Januar 21, 2017 um 7:33 pm

    Gerne auch fünf Sterne von mir, leider steht mir nur einer zur Verfügung …

  2. Januar 21, 2017 um 7:47 pm

    Damit bin ich auch zufrieden. Danke.

  3. Lobo
    Januar 23, 2017 um 11:47 am

    Guten Tag, Fritz
    ich gestatte mir die verspäteten guten Wünsche für das Neue Jahre und auch die Hoffnung, wieder viele Deiner inspirierenden Texte zu lesen. Ja, sie mögen Dir auch im neuen Jahr bei bester Gesundheit gelingen.
    Alles Gute !

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