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Unklare Zeit

In Krimis sind alle verdächtig, besonders natürlich die mit den dunklen Brillen © Fritz-Jochen Kopka

In Krimis sind alle verdächtig, besonders natürlich die mit den dunklen Brillen
© Fritz-Jochen Kopka

Letzte Woche fühlte ich mich bemüßigt, ein Wort für den Tatort aus Frankfurt einzulegen. Viele haben an dem rumgenörgelt, fanden ihn (natürlich) langweilig (das ist ja die Lieblingsbeschäftigung der Langweiler: Alles langweilig zu finden), unschlüssig, krampfhaft aktuell (Flüchtlingsproblematik), konstruierte Geschichte, schablonenhafte Darstellung, moralisierender Anspruch. All das kann ich nicht nachvollziehen. Die Zeit der spannenden Krimis ist sowieso vorbei. Suspense lässt sich für den Zuschauer, der allen Mustern der Spanungserzeugung einige Dutzend Male beigewohnt hat, nicht mehr oder nur in Glücksfällen noch herstellen. Die Tatorte und Polizeirufe bringen immerhin viel mehr Realität und Alltag auf den Schirm als Komödien. Sicher ist es richtig, dass die Krimis in letzter Zeit immer unklarer werden, das ist ja doch nur ein Reflex auf unsere unklare Zeit. Den Ermittlungen fehlt oft die Logik, die Zwangsläufigkeit, die Ermittler sind keine Superhirne, ohne den helfenden Zufall wären sie oft aufgeschmissen. Zum anderen häufen sich Krimis, die uns weismachen wollen, dass die Zukunft schon längst begonnen hat und wir keine Menschen mehr sind, sondern Datenträger, die jederzeit ein- und abgeschaltet werden können. Diesen Eindruck kann ich nicht teilen. Das Leben, das man hier führt, ist sich immer noch sehr ähnlich, Digitalisierung hin oder her. Ich mag auch die Krimis nicht, die so realistisch sind, dass man die Dialoge nicht mehr versteht, weil sie von den Geräuschen der Straßen und Büros, der Tage und Nächte zugedeckt werden. Und ich empfinde es nach wie vor als Zumutung, wenn die Akteure gleichzeitig essen und reden; das finden manche Regisseure offensichtlich komisch. Vielleicht trauen sie ihren Schauspielern auch nicht zu, ohne solche Hilfsmittel agieren zu können.

Mir hat der Film gefallen. „Land in dieser Zeit” zeigt, dass Deutschland dieses und jenes ist, aber eben auch ein Chor-Land (neulich im bayrischen Tatort gab’s sogar einen Polizisten-Chor). Immer amüsant zu sehen, wie die Choristen mit Leib und Seele am Liedgut arbeiten und dass das Singen sie mitunter keinesfalls davon abhält, der nationalistischen Gesinnung kriminelle Taten folgen zu lassen. Ich finde auch gut, dass Roeland Wiesnekker als Kommissariats-Leiter abgelöst wurde (was andere bedauern, er sei eine heimlich Hauptfigur gewesen). Für diesen Mann in all seiner Selbstgewissheit, Uninformiertheit und Faulheit fiel den Autoren gar nichts mehr ein. Statt ihrer haben wir nun einen Chef, der öfter mal verquere Bemerkungen von sich gibt und ohne Vorwarnung mit hoher Intensität Jandl-Gedichte vorträgt. Ich teile die Feststellung, dass Führungskräfte auf dem Weg nach oben fast immer seltsam geworden sind. Da ist der Jandl-Rezitator noch ganz gut erträglich. Seine Mitarbeiter blicken sich irritiert an. Lass den Alten doch verrückt sein, so lange er mit seiner Unwissenheit nicht nervt wie sein Vorgänger.

Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht bald die Friseurin Vera, gespielt von Jasna Fritzi Bauer. Was sie macht, ist immer spannend. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir in Deutschland eine so unausrechenbare, rätselhafte Schauspielerin haben. Der Rezensent, der das nicht mitbekommt, tut mir leid. Er muss über kurz oder lang das Ressort wechseln. Auch Margarita Broich spielt eine Kommissarin, wie wir sie noch nicht hatten, so zwischen naiv, tuttlig und klugen Instinkten.

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