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Das Schloss liegt gut im Plan

Marx schaut noch grimmig, Engels hat resigniert © Fritz-Jochen Kopka

Marx schaut noch grimmig, Engels hat resigniert
© Fritz-Jochen Kopka

Angeblich lohnt es sich, nach dem Berliner Schloss zu sehen, dem Neubau, bei dem es nicht die üblichen Schwierigkeiten sonstiger Großprojekte gibt. Ist in diesem Fall ein Wunder: Erstens haben unsere Vorfahren den Bau schon mal vorgemacht, es ist in den modernen Zeiten allemal leichter, ein altes Schloss zu bauen als einen Großflughafen, eine Philharmonie oder einen unterirdischen Bahnhof. Und zweitens: Was hindert die Bauherren eigentlich, die Kosten und die Fristen schon von Anfang an realistisch einzuschätzen und noch ein Polster draufzugeben, n plus x oder so. Kann sein, dass man das Projekt schwerer durch die Gremien bekommt und lieber den Spott über die explodierende Bausumme und die Verschiebung der Fertigstellung erträgt. Jeder Hohlkopf in Presse, Funk und TV glaubt, da noch einen Witz in petto zu haben; und es stimmt ja, die Leute lachen immer noch und fühlen sich erhaben über solchen Planungsmurks. Beim Schloss stimmen die Kennziffern anscheinend mehr oder minder.

 

Die Rückseite des Schlosses ist schon ziemlich fertig

Die Rückseite des Schlosses ist schon ziemlich fertig

Der Baum über der Kuppel muss noch entfernt werden

Der Baum über der Kuppel muss noch entfernt werden

Wer vom Alexanderplatz aus zum Schloss will, muss über den Weihnachtsmarkt. Jeder Berliner, der nach dem Anschlag über einen Weihnachtsmarkt geht, erhält die Heldenmedaille, wenigstens virtuell. Wir sehen zuerst die moderne Rückfront des Schlosses auf der Spreeseite und diesseits der Spree, in einer Dreckecke, das Marx-Engels-Forum, das zu einem Wanderdenkmal geworden ist. Sacco und Jacketti alias Marx und Engels schauen bedröppelt auf den Fortgang der Bauarbeiten, sie sind mit ihrer stolzen Idee nun in der Freiluft-Besenkammer des Hohenzollern-Schlosses gelandet und bewahren Haltung im Gegensatz zu den Edelstahlstelen mit Schattenrissen von Fotos aus der Geschichte der Arbeiterbewegung; das sieht schon ziemlich kläglich aus. Und das Schloss, ja, da Schloss, es ist einfach sehr, sehr groß. An der historischen Fassade wird gearbeitet, Gerüste erlauben nur einen fragmentarischen Blick, das mag alles sehr schön werden, aber wie man diesen Koloss füllen und bespielen will, ist rätselhaft. Im Halbschlaf träumt mir, dass in Deutschland die Monarchie ausgerufen und Angela Merkel zur Königin erklärt wird, was ihr einen schweren und verletzenden Wahlkampf ersparen würde. Dann bekäme sie das Schloss und mit ihr die Ex-Kanzler und nunmehr Ex-Könige Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Die drei müssten die Köpfe zusammenstecken und beraten, wie sie das Gebäude füllen. Jeder der drei hätte da seine Wohnung, seinen Hofstaat und die Sachzeugen der Highlights seiner Regierungszeit. Damit wäre das Schloss sicher noch nicht voll, aber den drei Kanzlern/Königinnen würde schon noch was einfallen. Die Frage ist, ob wir mit dem Schloss glücklicher sein werden als ohne das Schloss und ob dieser Platz schöner aussehen wird als vorher, was kein Kunststück wäre.

Blick aus der Humboldt-Box

Blick aus der Humboldt-Box

Wenn man das Schloss besucht, ist man drin in den Touristenströmen und empfindet die Ödnis vorgezeichneter Wege. Der Fremde wird einiges Aufregende entdecken, er ist in der Gruppe und findet Platz in überdimensionierten Restaurants, wo das angeboten wird, was es überall gibt. Der Einheimische sieht, dass die Stadt sich viel zu schnell verändert und dass sie in ihrer Mitte alles Inoffizielle und Intime verliert. Du kannst eine Idee haben, du musst aber auch die Miete zahlen können. So doof war der Plan nicht, ein Haus des Volkes in die Mitte der Stadt zu setzen mit originellen Restaurants, Sälen für große Konzerte, einem kleinen Theater, einer Bowling-Bahn, einem Jugendtreff, einer Galerie. Einerseits soll die Stadt aussehen wie zu Königs Zeiten, andererseits soll sie den Ansprüchen der Zukunft genügen, und noch mal: Man gibt ihr zu wenig Zeit.

Zwischen den Zeiten

Zwischen den Zeiten …

Immerhin gibt es ein Entrinnen aus der Mitte, du kannst schon am Hackeschen Markt draußen sein, in die Sophienstraße und in die Großen Hamburger einbiegen, wo zwei junge Männer in einem irischen Shop etwa hundert Kopfbedeckungen ausprobieren und von jeder noch ein bisschen mehr fasziniert sind als von der vorher ausprobierten. In der Boutique nebenan läuft ein Song von Angus und Julia Stone. „I’m a soldier, but I don’t know, how to fight … I’m the darkness but I want to be the light.” Beim Schreiben der Rechnung versagen sämtliche analogen Kugelschreiber. Wir sind endlich wieder in Berlin. Das Eckhaus, das vor Jahren seine grob gemauerten Wände in ihrer verwirrenden Nacktheit darbot, ist inzwischen vornehm verputzt. Ein Paar Meter weiter leuchtet der Laden „Viel Spiel” durch die Dunkelheit. Kein elektronisches Fiepen ist zu vernehmen im Paradies zeitloser Spielsachen aus Holz und Blech, Pappe und Papier für Kreative und Phantasten.

… und jenseits der Zeit

… und jenseits der Zeit

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