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Langeweile wird unterschätzt

Lange Wege, lange Weile? Der Übergang vom S- zum Regionalbahnhof, auch „der Galgen” genannt © Fritz-Jochen Kopka

Lange Wege, lange Weile? Der Übergang vom S- zum Regionalbahnhof, auch „der Galgen” genannt
© Fritz-Jochen Kopka

Langeweile wird unterschätzt. Sie hat ein schlechtes Image, besonders bei Frauen. Frauen glauben oft, dass sie sich automatisch aufwerten, wenn sie auf die Langeweile schimpfen, die man wagte, ihnen zuzumuten. Ich habe mich tödlich gelangweilt, sagt die Moderatorin im Deutschlandradio über den letzten Bodenseetatort mit Eva Mattes und Sebastian Bezzel und den drei Fassbinder-Geistern, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margrit Carstensen. Sie will damit sagen, dass ihre Ansprüche weitaus höher gesteckt sind, aber ich kann ihr versichern, dass ein heller Geist in diesem Krimi einiges Interessante beobachten und sich amüsieren konnte. Zur Langeweile gehören immer zwei. Die langweiligsten Leute treten hervor und klagen, wie langweilig doch alles sei in diesem Land und in dem Land vor diesem Land. Wahrscheinlich ist das ein aristokratisches Phänomen. Prinzessinnen waren es gewöhnt, dass immer Leute bereitstanden, die sie zum Lachen bringen sollten. Niemand hat ihnen beigebracht, sich zu beschäftigen. Und wenn nun eine Frau hervortritt und klagt, wie langweilig es doch wieder sei, dann will sie eigentlich sagen: Ich bin eine Prinzessin. Oder eine Königin. Oder eine Gräfin. Ich will hier nichts Lobendes über Männer sagen, aber die wissen in der Regel wenigstens, dass sie für ihre Langeweile selbst zuständig sind. Und im Zweifelsfall haben sie immer noch den Fußball.

Wenn ich laufe, kommt mir auch schon mal in den Sinn, wäre schön, wenn du deine zwei Runden schon hinter dir hättest, aber das ist der falsche Ansatz. Der richtige Ansatz ist es, die Zeit auszuschalten, in deinem Kopf dafür zu sorgen, dass es keine Zeit mehr gibt. Und dann denke ich nur an die Bewegung, in der ich mich befinde, an die Bäume, denen ich begegne (jeder von ihnen irgendwie ein ausgeprägter Charakter) und warte auf das, was mir sonst noch in die Birne schießt, Erinnerungen, Assoziationen, Zitate. Goethe war kein Schwärmer, als er zum Augenblicke sagte, verweile doch, du bist so schön. Und wenn wir bei Goethe sind, können wir weiter gehen zu Heimito von Doderer: „Die Langeweile ist das stillste, aber vielleicht das am meisten die Führung prüfende Fahrwasser des Lebens. Denn hier kommt es wirklich heraus, was an einem ist und was nicht, wenn die Kügelchen der Viertelstunden klingend in eine weite, leere Schale fallen.”

Was meint er nun genau? Denk drüber nach, und du hast keine Langeweile.

 

 

  1. Dezember 28, 2016 um 9:48 pm

    Langeweile kenne ich (fast) nicht. Ich kann mich gut beschäftigen. Beim Laufen muss man sich ja zwangsläufig mit sich selbst, seinem Körper, seinen Gedanken, der Umgebung etc beschäftigen. Da gibt es keinen TV, Handyspiele o.ä. zur Ablenkung

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