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Berlin Alexanderplatz (28): Traurige Märkte

Bon jour, Tristesse © Fritz-Jochen Kopka

Bon jour, Tristesse
© Fritz-Jochen Kopka

Traurige Märkte oder genauer traurige Weihnachtsmärkte. Nach dem Anschlag am Montag folgt am Donnerstag der labbrige Dezemberregen, der die Seelen verwüstet. Der Weihnachtsmarkt zwischen Bahnhof Alexanderplatz und Hotel ist dünn besucht. Jeder sieht jeden an, als könnte er ein Gefährder sein. Mindestens die Hälfte der Buden ist ohne Kundschaft. Man hat das Gefühl von hoffnungslos überteuerten Preisen. Eine Bratwurst drei Euro, du lieber Himmel, wofür denn. Ich kaufe trotzdem eine, sie schmeckt auch besser als die gewöhnlichen. So viel Ehrlichkeit muss sein. Ein Mann mit breiten Hosen geht von einer Bude zur nächsten und versucht, die depressiven Verkäufer, die nichts zu tun haben, noch mal extra zu verspotten. Ist es wahr, dass hier keine Weihnachtsmusik gespielt wird oder blenden meine Ohren die automatisch aus. Vor einer Bude stehen ein Mann und eine Frau vor den leeren Plastiktellern, und der Mann sagt mindestens fünfmal und immer beschwörender: Ich bin nicht ansteckend! Ich bin nicht ansteckend! Ja, woher will er das wissen.

What shall we do in Christmas times

What shall we do in Christmas times

Ich habe noch zehn Minuten Zeit, die nutze ich, um im New Yorker eine Smog-Jeans zu kaufen, das ist ein preiswertes Label, das mich noch nicht enttäuscht hat. Zwei Stationen mit der U-Bahn. Während man die Treppe runtergeht, passt man auf, dass hinter einem keiner ist, der einem einen Tritt in den Rücken verpassen könnte. Man achtet auch selber drauf, dass man nicht zu nah hinter einer Frau hergeht, die ja auch Angst kriegen könnte, hinuntergestoßen zu werden.

Durch die Glastür unserer Kneipe sehe ich schon Verheugen an unserem Stammplatz. Ich trete ein. Vor ihm steht ein halber Liter Pilsner und eine Tasse Kaffee. Was sind denn das für neue Moden. Schäm dich was!, sage ich im sächsischen Idiom. Er starrt mich entgeistert an, in einer Mischung aus Verblüffung und Wut. Im nächsten Moment habe ich meinen Fehler erkannt. Es ist ein anderer, ähnlich großer Mann mit allerdings verhältnismäßig kleinen Füßen. Und dann betritt Verheugen den Raum. Ich entschuldige mich bei dem Mann mit den kleinen Füßen. Der hat immerhin Humor und meint, er freue sich verwechselt worden zu sein. Ja, sage ich, natürlich ist es schmeichelhaft, mit einem so schönen Mann verwechselt zu werden. Der Mann mit den kleinen Füßen begrüßt nun seine Frau. Die Zeit, die sie bei der Fußpflege verbrachte, hat er sinnvoller Weise genutzt, um Bier zu trinken. Zwei Füße, fünf halbe Liter, das läuft etwa auf den gleichen Preis hinaus. Warum soll ein Mann, der den Alkohol so gut bei sich behalten kann, nicht trinken. Herr Lutz, der Wirt, fragt, wo wir gestern waren, zur großen Weihnachtsfeier. Wir wussten davon nichts. Die ganze Prominenz war da, sagt Herr Lutz, Frau Merkel, Helene Fischer … Er ist dafür berühmt, dass er solche Geschichten erzählt. Der Mann mit den kleinen und die Frau mit den gepflegten Füßen verlassen relativ glücklich das Lokal. Nicht ohne uns frohe Weihnachten gewünscht zu haben, das ist doch klar.

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