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Leben im Zehngeschosser

Drei Zimmer, Küche, Bad, kein Fahrstuhl, kein Balkon

Drei Zimmer, Küche, Bad, kein Fahrstuhl, kein Balkon

Wenn du im Zehngeschosser ganz oben wohnst, musst du auf dem Weg hinauf die letzten (und runter zu die ersten) Stufen zu Fuß gehen. Der Lift reicht nur bis zum neunten. Und auch die Balkone kommen über den neunten Stock nicht hinaus, wir im zehnten haben keinen. Ist das hier so eine verkappte Dienstbotenwohnung, die sich der Sozialismus eben auch nicht verkneifen konnte? Kein Fahrstuhl, kein Balkon für die Leute auf den billigen Plätzen. Ich weiß ja nicht, in unserer Wohnung wohnte vor uns immerhin ein mittlerer Funktionär, der natürlich der Partei diente, insofern kommt es schon hin mit der Dienstbotenwohnung. Auf jeder Etage liegen drei Wohnungen. Küche und Schlafzimmer nach vorne, Wohn- und Arbeitszimmer nach hinten raus, wenn’s denn noch ein hinten gibt. Da ist es auf alle Fälle ruhiger. Vorne sind die Allee und die City, ein Fahrradgeschäft, eine Apotheke, ein Ärztehaus. Wenn ich Adleraugen hätte, könnte ich den Ärzten auf die Finger und den Patienten auf ihre Blöße sehen.

Ich gehe oft auch mehr Treppen als die erste oder letzte zu Fuß, ich will in einem Haus voller alter Leute fit bleiben, Treppensteigen ist gesund. Der Fahrstuhl animiert auch nicht gerade zum Mitfahren, er ist so klein, dass du den Mitfahrenden näher kommst, als dir lieb sein kann, das heißt, da gibt es die nette Vietnamesin aus dem fünften Stock, da macht mir die Nähe nichts aus, wie geht es Ihnen, fragt sie, ach, sage ich, Altwerden macht keinen Spaß, nein, ruft sie, das stimmt nicht, machen Sie was draus, tanzen Sie, um Himmels willen, sage ich, wie soll das aussehen, ich kann nicht tanzen, haben Sie keine Hobbys, fragt die Vietnamesin, was machen Sie gern, na ja, sage ich, in die Kneipe gehen. Die Vietnamesin zögert, dann sagt sie, gut, gehen Sie in die Kneipe, gehen Sie unter Menschen. Von der Vietnamesin abgesehen wirkt der Fahrstuhl ziemlich unhygienisch, wer weiß, was in dieser Kabine nicht schon alles vorgefallen ist. So leben wir also im Zehngeschosser.

Das Kino hab ich vergessen. Schräg rüber ist ein Kino. Da geh ich nicht rein. Der Bildschirm ist viel zu groß und der Ton viel zu laut. Und dann die Leute, die sich in deine Nähe setzen und Popcorn fressen. Das halt ich nicht aus. Wenn man so sensibel ist wie unsereiner – das kann auch Nachteile haben. Aber das nehm ich in Kauf.

 

  1. madge1946
    Dezember 22, 2016 um 9:36 pm

    Ich wohne auch in so einem Zehngeschosser, aber in der neunten Etage. Wir wohnen da gern. Es hängt allerdings sehr von der Nachbarschaft ab. Ein bisschen traurig ist es allerdings, wenn die älteren Menschen langsam verschwinden. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ein-haus-von-format

    Hier habe ich das mal verewigt. Allerdings ist das Foto dazu dermaßen hässlich, dass es mir peinlich ist. Vielleicht aber gefällt es Ihnen trotzdem.

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