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Durch die Wand

Öffentliches Seminar zum Thema: Wie man durch die Wand gehen kann. Der Herr im blauen T-Shirt ist der Dozent © Fritz-Jochen Kopka

Öffentliches Seminar zum Thema: Wie man durch die Wand gehen kann. Der Herr im blauen T-Shirt ist der Dozent
© Fritz-Jochen Kopka

Zu meinen unvergesslichen Filmen gehört auch einer, der im Lexikon des internationalen Films eine ziemlich hochmütige Bewertung erfährt. Sollte man dann lieber darüber schweigen? Oder an sich und seinen Ansprüchen zweifeln? Oder hat es etwas mit den Kindheits- und Jugendmustern zu tun?

Ich habe „Ein Mann geht durch die Wand” das erste Mal als Ostjunge in Westberlin gesehen, wahrscheinlich in einem der kleineren Kudammkinos, und dann kaufte die DDR den Film ein (was man nie so voraussehen konnte), und ich habe ihn sicher noch zwei, dreimal im Osten geschaut. Ladislao Vajda machte den Film, Heinz Rühmann spielte die Hauptrolle „als duckmäuserischer Steuerbeamter”, das war schon mal schlecht beobachtet, denn von den Beamten in seinem Büro ist Rühmann noch der mutigste, aber natürlich kein Rebell. „Oberflächlicher und reichlich irrationaler Spaß”, schreiben die Oberlehrer vom Lexikon, „in der Inszenierung jedoch mit Gespür für das soziale Milieu und komödiantische Wirkung.” Unter den Darstellern wird Hubert von Meyerinck nicht mal genannt, der, wo er auch in Erscheinung trat, für ein Highlight sorgte.

Lange war der Film für mich verschollen, aber gerade jetzt gab es ihn wieder als DVD. Nach vierzig Jahren sah ich ihn mir noch mal an und fand: Der Film hat der Zeit standgehalten. Er schaut mit ironischer Distanz auf das Leben des kleinen Mannes im Deutschland des beginnenden Wirtschaftswunders, als die Ansprüche und die angehäuften Reichtümer noch klein waren und der Steuerbeamte Buchsbaum Musik der jeweiligen Länder hörte, wenn er sich am Feierabend durch sein Briefmarkenalbum blätterte. Er ist bereit, mit wenig zufrieden zu sein, auch wenn er als Streber und Klassenbester einst bessere Aussichten hatte, aber er hat seinen Beamtenstolz, er hat seinen Freund, den Maler, der unverständliche Bilder malt, womit er das Unverständliche auch in Buchsbaums Existenz anrührt, und er ist ein Mann, der sich vieles nicht traut, aber manches eben doch. Was geschieht mit einem solchen Mann, wenn er plötzlich etwas kann, was sonst keiner kann? Das stand in der Geschichte von Marcel Aymé, nach der der Film entstand. Herr Buchsbaum kann plötzlich durch die Wand gehen und bringt damit seinen sadistischen Vorgesetzten Pickler ins Irrenhaus. Einfallsreich hat der Film das städtische Steuerbüro mit deutschen Beamtentypen bestückt, den Subalternen, den Zyniker, den Lebemann, die Ulknudel, Opportunisten, Feiglinge, Umfaller, Egoisten, lauter Leute, die sich im Rahmen bewegen, aber nach der einer oder anderen Seite kippen können, wenn plötzlich ein anderer Wind weht.

Es ging also in diesem Film um Menschen, die nicht über ihren Schatten springen können und denen das Schicksal auf eine irreguläre Weise unter die Arme greift. Das war irgendwie gut und sympathisch gemacht, kleines Leben, die eine oder andere existenzielle Frage durchaus streifend. Ein netter Film im besten Sinn.

Und wie der Zufall es wollte, brachten sie jetzt auf Arte die französische Version, nach derselben Novelle gedreht, „Der durch die Wand geht”, TV-Komödie von 2016. Der Versicherungsangestellte Emile Dutilleul (Denis Podalydès) „führt ein tristes Leben bis zu dem Tag”, ja, dem Tag, an dem er entdeckt, dass er durch die Wand gehen kann. Emile geht offensiver mit seiner Gabe um, es geht um mehr Geld, um mehr Liebe, um weniger Büro, um weniger Soziales, um weniger Komödiantisches. Ich kann nicht anders und ziehe den alten Film, der auch der deutsche Film ist, dem neuen Film vor.

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