Startseite > Fußballfieber > Autistische Busse

Autistische Busse

Tristes Spiel? Es liegt im Auge des Betrachters © Manuela

Tristes Spiel? Es liegt im Auge des Betrachters
© Manuela

Der Fußballnomade erschien stark erkältet, aber barhäuptig. Ganz neue Töne vernahm ich aus seinem Mund. Und bei dieser Schweinekälte gehen wir zum Fußball!

Ich war auch nicht scharf drauf. Können wir noch irgendwie absagen? Das würde natürlich sehr unmännlich wirken.

Das wäre mir egal, sagte der Fußballnomade, trank einen Ingwertee und als sich im Schrank noch eine fast neue Pelzmütze fand, taten wir, was Fußballfans zu tun haben und rannten hinter dem Bus des Ersatzverkehrs her, der knappe zwei Stunden vor Beginn des Matches schon hoffnungsvoll überfüllt war. Ich muss noch meinen Fahrschein entwerten, piepste ich im Gedränge mit kleinbürgerlicher Stimme. Man kann sich leicht lächerlich machen, wenn Ironie nicht verstanden wird.

An der Tanke, in deren Mitte in einem kunstgeschmiedeten Eisenkorb ein tröstliches Feuer brannte, trafen wir unseren Boss mit einem Steak in der Hand, unseren Freund Ulf mit einem Bier und eine Frau vom Kurier, die für eine Sonderbeilage einen Unioner inmitten seines Freundeskreises aufnehmen wollte. Es war ein besonderer Tag, nicht nur wegen des Spitzenspiels gegen Tabellenführer Braunschweig, sondern weil auch die Frau unseres Bosses dabei war, nach einigen zwanzig Jahren wieder mal. Du siehst toll aus, sagte Ulf zu ihr, ich hab dich gar nicht erkannt. Wie soll man das verstehen. Als Lapsus am besten.

Wenn Ulf dabei ist, stehen wir immer auf Höhe der Mittellinie, neunte Reihe oder so. Das ist ein begehrter Standort, aber Ulf schafft immer Platz. Wie wird es ausgehen heute, fragte die Frau unseres Bosses. Ich zeigte zum Fußballnomaden. Er weiß das schon immer vorher, sagte ich. 2:2, sagte der Fußballnomade, der mit der Pelzmütze noch einmal bedeutungsvoller aussah als gewöhnlich. Uns faszinierte zunächst der Schiedsrichter bei seinen Warmmach- und Stretching-Übungen. Das wirkte so geschmeidig, dass er auch ein Tänzer oder eine Gazelle hätte sein können.

Unions Fußballgötter spielten gegen den Tabellenführer sofort mutig nach vorn, fanden aber keine Lösungen, wurden auch öfter mal von den Braunschweigern hart angegangen, ohne dass das geahndet wurde. Er lässt alles laufen, sagt Ulf über unseren Freund, den Schiedsrichter, die Gazelle, und kaum hatte er das gesagt, griff der zur Pfeife. Er pfeift alles ab, sagte ich, da mussten wir selber lachen.

Während der angeschlagene Fußballnomade ungewöhnlich schweigsam war, las Ulf bald die Grundstruktur des Spiels. Union greift vornehmlich über die linke Seite an, weil da bei Braunschweig lauter Kleinwüchsige stehen. Er recherchierte sogar im Netz, wie klein sie waren, sie brachten es immerhin noch auf die 1,72, und auch wenn die Unioner kaum größer waren, stimmt es schon: Der 1. FC entschied das Spiel über die linke Außenbahn, wo der Schwede Hedlund seinen Gegenspieler ein übers andere Mal narrte, das erste Tor selbst schoss und das zweite vorbereitete. Bei jedem Tor ergoss sich ein Bierregen von den hinteren Rängen über uns, („doch ist uns öfter schon viel Schlimmeres passiert, nur spricht man nicht von solchen Dingen”, Villon) und letztlich darf man nicht Unions heldenhafte Abwehr unerwähnt lassen, Leistner, Puncec, Pedersen und Trimmel, die sich in jeden Zweikampf hineinstürzten. Sie war verantwortlich dafür, dass nur eine Seite des Tips des Fußballnomaden aufging. Es hätte auch anders ausgehen können, sagte die Frau unseres Bosses, und da sieht man, wieviel Fußballkompetenz im Laufe der Jahre vom Mann auf die Frau übergeht.

Verkehrskompetenz war wie so oft nach Unionspielen nicht vorhanden. Die Haltestelle des Ersatzbusses war schwer auffindbar, die Massen drängten sich, während zwei Busse, einer nahezu leer, autistisch an ihnen vorrüberfuhren. Aus Rache versuchten einige Braunschweiger Fans, offensichtlich verwöhnte Zahnarzt- und Apothekersöhne, das Haltestellenschild rotieren zu lassen. Als der Bus kam, standen wir kurz vor einer Massenpanik. Wie durch göttliche Gunst wurden wir doch hineingeschleudert, und dann ging die Party richtig los, Hämmern an die Scheiben, rhythmisches Hüpfen, das den Bus bedenklich schwanken ließ, und Gesänge, zum Beispiel dieser: „Siamesen kann niemand trennen, Schizophrene sind nie allein, Pädophile haben immer Bonbon, und ich bin Fan von Union.” Oder so ähnlich. Wo lernt ihr solche Lieder, Freunde? Von euren Eltern doch nicht. Als wir uns in Karlshorst rausgedrängt hatten aus dem Bus, sagten wir wie aus einem Munde: der Hölle entronnen. Union ist jetzt Vierter. Bei kicker online mussten wir lesen, dass dies ein tristes Spiel war. Das ist der Gipfel der Selbstgerechtigkeit.

  1. Axel Matthies
    Dezember 7, 2016 um 4:29 pm

    Vor dem Fernseher war s gemütlicher. Kein Bier von oben sondern von vorn Richtung Mund. Aber keine Frau vom Chef, kein überfüllter Bus, kein Feuer, keine AF, keine Dehnübungen… Aber ich kann mir das alles nicht unbedingt leisten. In der AF stehe ich manchmal kurz vor dem Herzstillstand…

    Die Abwehr wirkt im Augenblick gut organisiert – mit Selbstbewußtsein und Überzeugung; das war lange nicht so. Dafür funktioniert kein Umkehrspiel. Die Möglickeiten von Kroos und Kreilach sind weitaus besser entwickelt, als sie diese gegenwärtig präsentieren. Das ist die eiserne Baustelle Nr. 1. Eben noch war Collin Quaner Torjäger, jetzt stolpert er schon wieder durch den Strafraum. Dafür ist plötzlich Hedlund der Held, den wir kaum sahen. Wenn sie mal alle einen guten Tag hätten, schlägt Union jeden Zweitligisten.

    Aber endlich ist ein System Keller erkennbar. Daran müssen sie weiter arbeiten. Dann sind wir im Frühjahr so was von eisern – nämlich eiserne Aufsteiger!!!!!!!!!!!

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: