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Das Geheimnis dieser Straßen

Poems ewerywhere

Poems ewerywhere                                                     © Fritz-Jochen Kopka

Offenbar hat sich Jim Jarmusch für seinen Film „Paterson” Leben und Werk des Dichters William Carlos Williams ziemlich genau angeschaut und mit dem Material eine eigene, kleinere Geschichte erzählt, so wie er die Handlung aus der Mittelstadt Paterson (150 000 Einwohner) in die nahegelegene Kleinstadt Rutherford verlegte, wo William Carlos Williams, kurz WCW, geboren wurde und als Arzt praktizierte. Beide Städte liegen in New Jersey, und das Großgedicht „Paterson” war vielleicht das ehrgeizigste Werk von WCW, der im Gegensatz zum Busfahrer Paterson im Film weltläufig war, Europa bereiste (Paris, auch ein paar Monate Studium in Leipzig), Dichtergrößen wie Marianne Moore, Ezra Pound und Gertrude Stein aus der Nähe kannte und ein großer, aber unsystematischer Leser war, der sich in seinen Texten sehr unbeeinflusst gab. Williams war ein Detail-, kein Metaphern-Dichter, ein Oberflächen- kein Tiefen-Poet, und er war das ganz bewusst. „Getting through with the world – / I never tire of the mystery / of these streets …” So wie sich die Dinge, die Zimmer, die Straßen, die Stadt sich ihm zeigten, so wollte er sie erfassen, und er schien sich sicher zu sein, dass man nicht mehr sagen musste. Enzensberger spricht in seinem Essay über Williams von einer „eigentümlichen Poesie des Allernächsten”. „Das Gedicht”, sagt WCW, „hat seinen Ursprung in halblauten Worten, wie ein Arzt sie jeden Tag von seinen Patienten vernehmen kann.” Es ist nicht der schlechteste Einfall Jarmuschs, aus dem Landarzt in seinem Film einen ländlichen Busfahrer zu machen, der Tag für Tag die halblauten Worte seiner Passagiere vernimmt. Wo Williams provinziell war, ist der Busfahrer Paterson noch ein paar Zacken provinzieller, aber das schadet weder dem Film noch seinem Vorbild. Die Weltpoesie kommt in Gestalt des japanischen Dichters zu Besuch, der mit Paterson gemeinsam am Wasserfall des Passaic River sitzt und über die Maßen höflich von der Dichtung redet. Wo Williams’ erster, im Selbstverlag herausgegebener, Gedichtband im Hühnerstall verbrennt, wird Patersons geheimes Notizbuch vom Hund des Hauses zerfetzt. Ein großer Einbruch in einem kleinen Leben, aber wer weiß schon, was wirklich klein, was wirklich groß ist, wenn Paterson in das Buch mit den weißen Seiten, das ihm der Japaner schenkt, nach dem Verlust seiner Texte vielleicht bewusster und hellhöriger als zuvor seine neuen Verse einträgt.

  1. Mai 17, 2017 um 4:19 pm

    Danke für den Post – ich freue mich schon sehr auf meine nachzuholende Kinoliste, wenn die Masterarbeit fertig ist. Jarmusch steht da ganz oben! Liebe Grüße

  2. Mai 18, 2017 um 12:24 pm

    Da haste ja was Schönes vor Dir, als Belohnung für die Masterarbeit vielleicht. Im Juni kommt auch die DVD. Alles Gute.

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