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Paterson. Film, Stadt und Mann

An einem Freitagabend im Prenzlauer Berg

An einem Freitagabend im Prenzlauer Berg

Es ist nicht denkbar, dass uns ein Film von Jim Jarmusch missfallen könnte. Und falls, wie bei dem Vampir-Movie, doch die Gefahr besteht, gehen wir gar nicht erst rein.

Der Film heißt Paterson, die Stadt, in der er spielt, heißt Paterson, und der Mann, um den es geht, heißt Paterson (Adam Driver). Jim Jarmusch will sagen, dass es im Leben immer wieder um die gleichen Dinge geht, um gleichartige Ereignisse, um gleiche Situationen, um gleiche Wörter. Laura, Patersons Liebste, wacht auf und erzählt von ihrem Traum, die beiden hatten Kinder, Zwillinge, das findet Paterson schön, in Wirklichkeit haben sie einen Hund, eine philosophisch gestimmte englische Bulldogge mit Namen Marvin, der verdeckt gegen Paterson arbeitet.

Laura (Golshifteh Farahani) träumt von Zwillingen. Fortan tauchen in dem Film auffällig oft Zwillinge auf. Als hätten Träume suggestive Kraft oder was auch immer. Die Leute in diesem Film sagen belanglose Sätze, vor allem sagen verschiedene Leute gleiche Sätze, und man muss aufpassen, einige dieser Sätze erlangen plötzlich ungeahnte Bedeutung.

Es geht um eine Woche von Montag bis Sonntag, und immer passiert dasselbe. Alltag. Ein Busfahrer wie Paterson wacht jeden Morgen um dieselbe Zeit neben seiner Laura auf, sie kann weiterschlafen, Paterson isst seine Frühstücksflocken und schreibt Gedichtzeilen in sein geheimes Notizbuch, das nur Laura kennt. Paterson nimmt den Tag mit Gleichmut in Angriff, Laura mit Begeisterung. Er geht zur Arbeit, steigt in den Bus, hört sich die beiläufig aufgezählten Katastrophen aus dem Leben seines Kollegen Danny an, macht seinen Job, hört auf die Wortwechsel seiner Passagiere, die ihn offenkundig inspirieren, dichtet, kommt nach Hause, richtet den immer schiefen Briefkasten vor dem Haus, wird von Laura überschwänglich empfangen, erfährt von ihren neuesten kreativen Ideen, bewundert die von ihr immer neu in schwarzweißen Geometrien ausgestaltete Wohnung, isst mit langen Zähnen, aber freundlich ihre kreativen Gerichte, vernimmt die eigenartigen Reaktionen der Dogge, wenn Laura ihn küsst, und wir verstehen, ja, so kann Leben, so kann Liebe funktionieren, die immer begeisterte Frau, die sich auch für Patersons Gedichte begeistert und jeden Tag ein neues Projekt hat, und der ruhige Mann, der immer mit einer leichten Verzögerung antwortet und nie aus der Fassung gerät.

Die Entscheidung fällt leicht. Paterson. Mann, Hund und Wasserfall

Die Entscheidung fällt leicht. Paterson. Mann, Hund und Wasserfall

Einmal glauben wir unseren Augen nicht zu trauen. Die Dogge huscht, kurz bevor Paterson von der Arbeit kommt, noch schnell aus dem Haus und stupst den Briefkasten in die Schräglage. Abends führt Paterson den Hund aus, bindet ihn vor der Bar an und geht hinein, wo er schon von Doc, dem Kneipier, erwartet wird, der auch ein kunstverständiger Typ ist („Ich weiß ’ne Menge Scheiß’ über ’ne Menge Scheiß’”). In der Bar ereignet sich eine Liebestragödie in Fortsetzungen. Der Romeo wird von seiner Julia abgewiesen, aber er lässt nicht locker, weil sein Leben ohne Liebe nicht vorstellbar ist, und wenn es eine unglückliche Liebe ist. Verdammt, Mann, du solltest Schauspieler werden, sagt Doc. Ich bin Schauspieler, sagt der Romeo verschnupft. Paterson wendet sich ab, weil er sich das Lachen nicht verkneifen kann. Irgendwann zieht der Romeo eine Pistole. Die Gäste fliehen. Paterson springt dazwischen. Es ist nur eine Spielzeugpistole mit einem Filzpfropfen als Munition, aber das konnte ja keiner wissen. „Man soll nichts ändern”, sagt Doc, „du machst es nur noch schlimmer.”

Paterson, die Stadt hat nicht viel zu bieten mit ihren banalen Straßen. Die Wasserfälle am Passaic River, eine Brücke über der Schlucht. In einer Welt, in der immer das Gleiche passiert, gewinnt jede Abweichung enorme Bedeutung. Paterson trifft ein Schulmädchen, das auch Gedichte schreibt. Sie liest eines vor. Es heißt „Wasser fall”. Patersons Bus hat eine Panne. Es ist was mit der Elektrik. Es hätte eine Explosion und einen Feuerball geben können, sagen nacheinander mehrere Leute. Sie denken und sagen alle das Gleiche. Und dann die echte Katastrophe. Marvin, der Hund, zerfetzt Patersons geheimes Notizbuch. Darüber kann Paterson nicht mehr mit dem gewohnten Gleichmut hinweggehen. Er sitzt auf der Bank vor dem Wasserfall. Ein Japaner setzt sich zu ihm. Natürlich ist er ein Dichter. Er fragt nach William Carlos Williams, dem so berühmten wie weithin unbekannten Dichter, der das Großgedicht „Paterson” geschrieben hat. Er spricht auch von Allen Ginsberg, der in Paterson geboren wurde und aufwuchs. Und er schenkt Paterson ein leeres japanisches Notizbuch. Das Leben, das so, wie es war, fast beendet schien, beginnt von vorn mit noch besseren Gedichten.

Ach. In Patersons Bus sitzen auch Kara Hayward und Jared Gilman, das kindliche Liebespaar aus „Moonrise Kingdom”, Suzy und Sam. Sie sind älter geworden und studieren. Schöne Idee, Jim Jarmusch.

Und noch mal ach. Dies war der 1000. Beitrag auf diesem Blog. Ich fasse es nicht.

 

 

 

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