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Auf der Suche nach einem anderen erträglichen Ort

Auch an den Büchern geht die Zeit nicht spurlos vorbei

Auch an den Büchern geht die Zeit nicht spurlos vorbei

Durch den Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Mary McCarthy kam ich wieder auf Wystan Hugh Auden, den Dichter und Essayisten, dem ich tiefe und spezielle Einsichten in Literatur und Kunst verdanke, „Des Färbers Hand” hieß der im Sigbert Mohn Verlag erschienene Essayband, aus dem ich ganze Passagen unverdrossen abgeschrieben habe.

Auden betrifft eine besonders bewegende Passage im Arendt-McCarthy-Briefband: Hannah Arendt schreibt am 22. November 1970: „Auden kam – sah so sehr wie ein Clochard aus, dass der Portier ihn begleitete, aus Furcht, er könne Gott-weiß-was-sein … Sagte, er käme nur meinetwegen zurück nach New York, dass ich für ihn von großer Wichtigkeit sei, dass er mich liebe usw … Meine Meinung: Oxford, wohin er hoffte, für immer gehen zu können, wollte ihn nicht (vermute ich), und er sucht verzweifelt einen anderen erträglichen Ort. Ich sehe die Notwendigkeit, aber ich weiß auch, dass ich es nicht tun kann, mit anderen Worten, muss ihn zurückweisen. Ich habe so eine Ahnung, als ob ihm dies einmal zu oft passiert sei, nämlich zurückgewiesen zu werden, und ich bin fast außer mir, wenn ich daran denke. Aber ich kann es nicht ändern; es wäre einfach Selbstmord – eigentlich schlimmer als Selbstmord.”

Mary McCarthy weiß mehr von der Sache, als Hannah Arendt ahnt: „Stephen Spender war hier und verkündete, er fühle sich wie ein Ehestifter, wäre Wystan nicht ein guter Ehemann für Hannah? Ich sagte kalt: ›Bist du verrückt?‹ Aber dies zusammen mit Deinem Brief – ich vermute, Auden muss ihm – man kann kaum sagen ›Hoffnungen‹, eher vielleicht Sehnsüchte – gestanden haben, und Stephen horchte mich aus, um zu erfahren, wie Du wohl reagieren würdest … Wie auch immer, natürlich musstest Du ihn abweisen. Es wäre schlimmer als Selbstmord. Ich frage mich, ob Du noch mehr unpassende Anträge bekommen wirst, die aus langverborgenen und aufgewühlten Tiefen emporsteigen.”

Wohl war Auden einmal mit Erika Mann verheiratet, aber seine Liebe galt Männern, er war lange mit Christopher Isherwood zusammen. Weiß der Teufel. Vielleicht liebte er auch Männer und Frauen, so dass er glauben mochte, die Heirat mit Hannah Arendt, deren Mann, Heinrich Blücher gestorben war, könnte ihn aus seiner verzweifelten Lage retten.

Auden starb 1973 in Wien. Hannah Arendt widmete ihm, nicht ganz ohne Schuldgefühle, einen ihrer schönsten Texte. „Ich erinnere an Wystan Hugh Auden”. Schon der Anfang berührt eine besonders klingende Saite: „Ich bin Auden erst spät in seinem und meinem Leben begegnet, zu einer Zeit also, da die einfache, wissende Vertrautheit einer in jungen Jahren geschlossenen Freundschaft nicht mehr erreichbar ist, weil man zu wenig Lebenszeit hat oder erwartet, welche man miteinander teilen könnte. So waren wir sehr gute, aber nicht intime Freunde.”

Hannah Arendt hatte Auden das erste Mal Ende der vierziger Jahre auf einer Party gesehen, sie wechselten kein Wort miteinander, aber er fiel ihr auf, der „gutaussehende, bestens gekleidete, sehr englische, der freundliche und ausgeglichene ›gentleman‹”. Zehn Jahre später, Auden war 50, erkannte sie ihn nicht wieder. Sein Gesicht war so „von jenen berühmten, tiefen Falten durchzogen, als wenn das Leben selbst eine Art Gesichtslandschaft gezogen hätte, um ›die unsichtbaren Stürme des Herzens‹ offenkundig zu machen.”

Sie berichtet von seiner heruntergekommenen eiskalten Wohnung, in der das Wasser einfror, so dass er die Toilette in der nahen Spirituosenhandlung benutzen musste. Nicht weniger schlimm war es um seine Kleidung bestellt. Und wenn man ihn darauf ansprach, fragte, vielleicht auch helfen wollte, variierte er das „count your blessings”: Denke an das, womit du gesegnet bist. Wahrscheinlich schämte er sich für seine Unfähigkeit, sein Leben zu organisieren, was für den berühmten Dichter, der er doch war, nicht so schwer hätte sein dürfen, und so wischte er mit dieser Bemerkung sein Elend und weitere Nachfragen weg. Auden war ein Dichter, der auf Liebe hinauswollte, und so wandelte er Descartes’ „cogito ergo sum” ab: Ich werde geliebt, also bin ich.

„Erst jetzt”, schreibt Arendt, „mit der traurigen Weisheit der Erinnerung sehe ich ihn als einen Kenner der unendlichen Varianten unerwiderter Liebe, unter denen sich eine, das rasend machende Ersetzen von Liebe durch Bewunderung, hoch auftürmte.”

 

  1. Lupus
    November 19, 2016 um 2:08 pm

    Ja, Fritz, dieser Beitrag ist erfüllt von berührenden Passagen aus Hanna Ahrends späten Reflexionen zu Wystan Hugh Auden, von Gedanken, die tiefliegende elementare menschliche Einsichten ansprechen. Zu Wystan Hugh Auden schreibt Wikipedia erstaunlich viel Erhellendes, sehr Interessantes.

  2. November 19, 2016 um 2:56 pm

    Stimmt, das war ein großartiger Mann, vom Glück nicht immer gesegnet. Im Kontrast dazu hieß sein Lyrikband, der in der Weißen Reihe vom Verlag Volk und Welt erschien: „Glück mit dem kommenden Tag”.

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