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Ist Größe darstellbar?

Größe, eine Frage, die sich bei jeder Biographie stellt

Größe, eine Frage, die sich bei jeder Biographie stellt

Ich lese bei Hannah Arendt („Gedanken zu Lessing”), dass es nach dem ersten Weltkrieg nahezu vierzig Jahre dauerte, „bis eine Dichtung erschien, welche die innerste Wahrheit des Geschehens so transparent in die Erscheinung brachte, dass man sagen konnte: Ja, so ist es gewesen”. Sie meint „Eine Legende” von William Faulkner. Das ist schon eine hohe Wertschätzung, wenn man bedenkt, dass es nach dem Krieg eine wahre Flut von Kriegsbüchern gegeben hatte. Und nun komme ich zur Faulkner-Biographie, die ich kürzlich las.

Der Eindruck ist zwiespältig und wurde zwiespältiger, je weiter ich kam. Stephen B. Oates ist zwar „ein Biograph von internationalem Ruf”, aber nicht unbedingt einer für Literaten. Er breitet ausführlich den Inhalt des im jeweiligen Lebensabschnitt geschriebenen Romans aus, aber es gelingt ihm, ich vermute, ohne dass er es will, Faulkner kleinzuschreiben. Faulkner war ein Mann, der immer unglücklich verliebt war, und einer, der in bestimmten Phasen trank, bis der Arzt kommen musste. Aber woher hatte er seine Ideen, seine Intuition, seine Philosophie? Ja, der Süden, der Kleinstädter aus Mississippi, der Mann, der die Farm Rowan Oak schuf, der ewige Gatte, dessen Frau vielleicht sogar schlimmer trank als er selbst und das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster warf, das deutet auf einiges hin, aber es liefert nichts über die Beschaffenheit seines Geistes, der Herkunft seiner Ideen, seiner Weltsicht. Phil Stone, der frühe Freund, der ihn beeinflusste, Ben Wasson, noch ein Freund, Sherwood Anderson, den er bewunderte, zwei, drei Verleger und Lektoren (Hal Smith und Saxe Commins)– das alles ergibt noch keine geistige Biographie. Wie wurde Faulkner Faulkner?

Bei der Gelegenheit frage ich mich, ob Größe überhaupt erfassbar ist. Je näher der Biograph dem Dichter kommt, desto mehr verliert er ihn aus dem Blick. Er sieht das Genie vor lauter Menschlichkeit nicht.

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