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Die Leipziger glauben an ihre Lerchen

„Das Kreuz auf dem Gebäck sind die Bänder, die damals zum Zubinden der gefüllten Tiere verwendet wurden.” Wiener Feinbäcker

„Das Kreuz auf dem Gebäck sind die Bänder, die damals zum Zubinden der gefüllten Tiere verwendet wurden.”
Wiener Feinbäcker

Ich weiß noch, dass Leipzig nach der Wende als eine verlorene Stadt galt. Das Zentrum sah noch einigermaßen aus, aber in den äußeren Quartieren hatten die Häuser doch mehr oder minder Ruinenstatus. Die Schlauen meinten, man müsse die Stadt verlassen; sie sei abgehängt und ihre Bewohner erst recht. Aber immerhin. Es gab Auerbachs Keller, den Naschmarkt, das Alte Rathaus und die Alte Handelsbörse. Was eine richtige Messestadt ist, das rappelt sich auch wieder hoch, und so sieht es heute aus. Der Bahnhof – der größte Sackbahnhof Europas, wie man immer sagte – ist nicht mehr wiederzuerkennen, wobei ich nicht weiß, ob das der Sinn einer Rekonstruktion sein kann. Der Leipziger zeigt wieder Stadtstolz. Er kommt zu Besuch und bringt als kleines Gastgeschenk eine Leipziger Lerche mit, diese Gebäckspezialität.

Die Leipziger Lerche ist repräsentativ verpackt. Um die Sache abzurunden, ist ihr ein Infozettel beigegeben. Da erfahren wir nun zu unserem Entsetzen, woher die Gebäckspezialität ihren Namen hat. Die Leipziger verzehrten früher besonders an Festtagen Singvögel als kulinarische Delikatesse. Die lieben Sachsen. Man kann nur staunen. Nach dem Verbot des Vogelfangs im Stadtgebiet 1876 kreierten die fischelanten Bäcker aus Mürbeteig, Mandeln, Nüssen und Erdbeerkonfitüre ein Surrogat: die Leipziger Lerche. Sie hat mir trotz allem geschmeckt. Ich las den Zettel allerdings auch erst nach dem Essen.

Ich erinnere mich, dass meine Wirtsleute zu meiner Leipziger Studentenzeit auf dem Balkon etliche Vögel in einer Voliere hielten. Ein Kommilitone hatte ein Vergnügen daran sich auszumalen, wie man die Vögel briet und verzehrte, und schließlich kämen die Wirtsleute nach Hause und sähen nur noch die Überreste ihre Lieblinge. Ich weiß nicht, was in den Jungen gefahren war, zumal er auch noch den Spitznamen Dohle trug.

 

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