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Das müsstest Du wissen

In fremden Regalen fand ich den Briefwechsel von Hannah Arendt und Mary McCarthy, den ich mir auslieh, obwohl ich ahnte, dass ich das Buch wahrscheinlich nicht lesen würde, es liegt sowieso viel zu viel Literatur neben meinem Bett, neben meinem Sessel und neben meinem Stuhl, aber ich las das Buch zu meiner eigenen Überraschung nahezu unverzüglich, nachdem ich einmal angefangen hatte; es zog mich rein.

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Wer Hannah Arendt ist, weiß jeder. Aber wer ist Mary McCarthy? In meiner frühen Jugend gab es diesen zerstreuten, aber lebenskünstlerischen Roland, der einen älteren Bruder hatte, der in Westberlin studierte, es war vor 1960. Dieser Bruder war absolut auf der Höhe der Zeit, er wusste, welche Filme man sehen und welche Bücher man lesen sollte, er brachte dem lieben Roland auch „Die Clique” von Mary McCarthy mit. In dem Buch geht’s um acht College-Girls des Vassar College und ihre Lebenswege. Roland redete immer von Goethe, Goethe, Fritz, sagte er, Goethe sagt ja auch, und dann kam etwas Zerstreutes aus seinem Kopf. Mit der „Clique” konnte er nichts anfangen, die gab er mir. Es ging um Verhütung, außerehelichen Sex, Kindererziehung und Psychoanalyse. Mary McCarthy war sehr konkret, sie beschrieb den Sex anatomisch, sie war witzig, geistreich und cool.

Man redet immer von Männerfreundschaften, aber Hannah Arendt und Mary McCarthy – das war eine unglaubliche Frauenfreundschaft, und da Arendt größtenteils in New York lebte und McCarthy größtenteils in Paris schrieben sie sich viele Briefe und versicherten sich einander, wie sehr sie sich fehlten, da ist kein falscher Ton dabei. Der Briefwechsel geht von 1949 bis zu Arendts Tod 1975.

Hannah Arendt ist in zweiter Ehe mit dem ebenfalls nach Amerika ausgewanderten deutschen Gelehrten Heinrich Blücher verheiratet. Mary McCarthy lässt sich gerade von ihrem dritten Ehemann Bowden Broadwater scheiden, eine schwierige Geschichte, der offensichtlich schwache Mann kann von der starken Frau nicht lassen. Hannah Arendt rät, ermutigt, gibt der Freundin recht mit unwiderlegbaren Argumenten und wird dabei nie gefühlig.

Plötzlich bekommt das Buch einen Bruch, mit diesem Telegramm: HEINRICH SAMSTAG AN EINEM HERZINFARKT GESTORBEN HANNAH. Es ist der 1. oder 2. November 1970. Drei Wochen später schreibt Arendt: „Ich glaube nicht, dass ich Dir erzählt habe, dass ich während zehn langer Jahre beständig Angst hatte, dass genau so ein plötzlicher Tod eintreten würde. Diese Furcht grenzte häufig an echte Panik. Wo die Furcht war und die Panik, da ist nun einfach Leere.” Und McCarthy antwortet: „Ja, ich wusste seit zehn Jahren, dass Du Angst vor diesem plötzlichen Tod hattest, wusste es und sprach, da ich mehr oder weniger Angelsächsin bin, darüber nicht mit Dir … Aber die Abwesenheit der vertrauten Angst muss in gewissem Maße eine Erleichterung sein … Du musst Dich fühlen, als ob Du mit jemandem lebst, den Du kaum kennst – mit Dir selbst ohne Angst.”

Das Buch, das eigentlich Roland gehört, mitgenommen von der Last der Jahre

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Zwei Frauen, die wissen, dass ihre Zuneigung jede Offenheit verträgt, ja, ihrer bedarf. Es gibt Momente, wo eine langjährige Freundschaft, in der zwei starke Menschen unerschrocken miteinander reden, plötzlich sensibles Territorium wird: „Es war traurig”, schreibt McCarthy, „Dich am Flughafen durch die Tür gehen zu sehen, ohne dass Du Dich noch einmal umgedreht hast. Etwas geschieht oder ist geschehen mit unserer Freundschaft … Das mindeste, was ich vermuten kann, ist, dass ich Dir auf die Nerven gefallen bin.” Aber nein, es war nichts. „Ich weiß nicht, warum ich mich auf dem Flughafen nicht mehr umgedreht habe … Was ich dagegen weiß, ist, dass ich in allen rein psychologischen Angelegenheiten nicht feinfühlig und eher begriffsstutzig bin. Aber das müsstest Du seit langem wissen.”

Hannah Arendt/Mary McCarthy: Im Vertrauen. Briefwechsel 1949 – 1975. Herausgegeben von Carol Brightman. Piper Verlag

  1. J.
    Oktober 21, 2016 um 9:47 am

    Nun bietet sich an, aus dem fremden Regal auch den Briefwechsel von Hannah A, mit Heinrich Blücher zu inhalieren….

  2. Oktober 21, 2016 um 10:22 am

    Der steht im eigenen Regal, Jugendfreund. Ist auch schon inhaliert. Aber ohne Kommentar. Im eigenen Regal steht auch der Briefwechsel von Hannah Arendt mit Uwe Johnson. Ist auch inhaliert. Auch ohne Kommentar. Staunste.

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