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Mit Unschärfen

Berlin Friedrichstraße. Halten, Hupen, Tanzen, Weiterfahren in Unschärfen

Berlin Friedrichstraße. Halten, Hupen, Tanzen, Weiterfahren in Unschärfen

Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden drehte ich mich um und ging zurück. Ein nervenzerfetzendes Hupkonzert in der Rotphase der Ampel. Ein Corso teurer Autos machte den Lärm. Die Insassen waren fröhlich, einige waren ausgestiegen, meistens Männer in Anzügen, und tanzten auf der Straße. Teilweise saßen Frauen mit Kopftüchern am Steuer. Die Ampel sprang auf grün, es ging weiter, aber die nächste Kreuzung würde nicht lange auf sich warten lassen und nicht das nächste Hupkonzert.

Here comes the sun

Here comes the sun and goes

Jetzt war wieder Berlin-Marathon. Den gibt es seit 1983 oder so. 1990 konnten die Läufer das erste Mal durchs Brandenburger Tor und in den Ostteil laufen. Die Abendsonne kam schon immer durchs Tor; das ist heute nicht anders und wird morgen auch nicht anders sein. Alles ist erleuchtet, auch in der Akademie der Künste.

Volker Braun stellte seinen neuen Gedichtband vor. „Handbibliothek der Unbehausten” Als wir ankamen, eine halbe Stunde vor Beginn, war Volker Braun noch nicht zu sehen. Der Veranstalter war beunruhigt, aber nicht sehr. Man wüsste nicht, dass der Dichter unpünktlich ist oder gar einen Termin verpasst; und dann erschien er auch schon, in unauffälliger Eile.

Das Publikum sieht nach Kulturbetrieb aus, sie kennen sich alle seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, und sehen genau, wie alt die Anderen geworden sind, während man selbst ja immer noch der Alte, also ziemlich Junge, ist. Man staunt, wen es noch gibt aus längst vergangenen Zeiten. Aber sie wollen sich alle so wenig erinnern, wie man sich selbst erinnern will, es ist, als hätte man sich nie gesehen.

Kathrin Schmidt begrüßt das Publikum mit einer Anekdote aus ihrem Schülerleben. Einmal rettete sie sich vor einem Tadel oder einer miesen Note durch ein Volker-Braun-Gedicht. Dann sagt Lothar Müller, dass er gefühlsmäßig in Brauns neuen Gedichten eine Dreiheit entdeckt: Bitterkeit, Heiterkeit, aber das größte ist wohl die Gelassenheit. Er weist schon hin auf den sächsischen Sound, in dem Braun seine Gedichte vortragen wird, und das ist dann auch wirklich so; es ist die Melodie, weniger die Laute, die das Sächsische transportieren, warum sollte sich einer dessen entledigen. Es klingt schon besonders.

Typische Haltung. Was der Dichter hört, geht nicht verloren

Typische Haltung. Was der Dichter hört, geht nicht verloren

Walter Ulbricht, als er die Texte des noch jungen Dichters sah, erzählt Braun, sagte: Der soll doch nach China gehen. Keine Ahnung, was er damit gemeint haben mag, eine aus dem Rahmen fallende, irgendwo irrationale Bemerkung war es auf jeden Fall. Und eine nicht mal unzutreffende. Denn Braun hat China einige Male bereist und sich mit dem Land, seiner Politik und Mentalität, nicht zuletzt der Fusion von Kommunismus und Marktwirtschaft befasst, nicht umsonst heißt eines der neuen Gedichte Chimerika, der Prozess ist spannend, der Ausgang ist völlig offen.

Das müsste man natürlich viel heiterer lesen, sagt Braun nach einem, ich weiß nicht mehr welchen Gedicht, aber er trägt die Texte das erste Mal öffentlich vor, da funktioniert nicht alles nach Belieben.

Auf halber Strecke bittet Braun Lothar Müller an den Tisch, ein Gespräch soll nun stattfinden. Es fällt nicht nur hier auf, wie freundlich der in seinen Texten doch so unerschrockene, entschiedene Braun im Umgang ist, er liebt es, andere zu bewundern und zu loben, die alten Dichter und die jungen Dichter, die Leute aus dem wirklichen Leben, denen er Sätze abgehört hat wie der fallenden Frau, die „Was bin ich müde” seufzte (müde an den Geschicken der Welt) oder die Leute im Bergbau, die „Genossen warens alle” raunen, dieser Widerspruch in seinem Wesen und seiner Literatur scheint irgendwie Teil seiner Ästhetik zu sein.

Müller macht vorsichtige Anmerkungen zu Brauns Texten, aus denen sich dann doch die Fragen nach der Tradition, derer Braun sich bedient, und nach der Verwendung des Reims, der ja mal mehr oder minder obsolet war, heraushören lassen. Ja, die Tradition, da ist Braun sofort bei Brecht, der ein wahres Füllhorn von Formen beherrschte, und dann auch bei Goethe, der ebenfalls ein Meister aller Klassen war. Und der Reim? Braun ist selbst erstaunt, wie oft es sich bei ihm in diesem Bändchen reimt, aber geht doch. Manchmal allerdings ist der Reim auch dazu geeignet, ein Gedicht ein bisschen pfiffig zu machen, was, wie ich meine, nicht in Brauns Sinn sein kann. Aber warum soll einer, der so viel riskiert, das nicht auch riskieren.

„Handbibliothek der Unbehausten” erscheint bei Suhrkamp.

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