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Da werden Weiber zu Experten

Kompakte Masse Fan

Kompakte Masse Fan

Unser Boss hatte seinem Sohn eine Fußballreise ins Land des Europameisters versprochen (wahrscheinlich hatte der kühl rechnende Mann mit Deutschland gerechnet), nun weilte er also in Portugal, und wir mussten Unions erstes Heimspiel der Saison 2016/17, das natürlich ausverkauft war, als Zuschauer allein bestreiten. Wir hatten Plätze im Block U, das ist hinterm Osttor, so dass unser Blickfeld durch das Ballauffangnetz gefächert wurde, aber dafür war die Atmosphäre wesentlich entspannter als auf Höhe der Mittellinie, wir standen uns nicht auf den Füßen und befanden uns unter moderaten Singlefans; allerdings nicht weit entfernt vom Dresdner Fanblock, der sehr kompakt und gut organisiert auftrat und die mythische Union-Hymne vor Beginn des Spiels akustisch doch ziemlich zudeckte.

Nach der langen Sommerpause waren im Union-Fanlager einige treue Tote zu beklagen; ihrer wurde würdevoll gedacht, die Hinterbliebenen waren im Stadion, und man ging zuversichtlich davon aus, dass sie dort oben im Fußballhimmel die Daumen drücken würden. Kein Wunder, dass in der „Alten Försterei” ein Bestatter mit dem ambivalenten Slogan: „Warte nicht bis zum Schlusspfiff” für seine Dienste wirbt.

Wie immer wurde beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung nach dem Namen jedes Unionspielers, selbst der Bankdrücker, „Fußballgott” gebrüllt, aber es dauerte ganze acht Minuten, bis die schnellen, wendigen Dynamo-Offensivspieler das 1:0 schossen. Wir konnten es nur aus der Ferne sehen, das Gegentor ist weit entfernt, der Ball kreuzte einige Male im Strafraum, man ahnte nichts Gutes, und dann war es passiert. Und was skandierten sie jetzt, im Dresdner Block? Hüh-ner-gott, Hüh-ner-gott? Sollte das Spott sein angesichts der Tatsache, dass Unions Fußballgötter nur Hühnergötter sind? Nein, sagte der Fußballnomade. Sie schreien natürlich Dy-na-mo, Dyna-mo, jede Silbe betont. Man kennt sich mit der sächsischen Lautformung nicht mehr richtig aus.

Unions Pässe kamen nicht an. Mit dem 0:1 zur Pause waren wir gut bedient. Aus der Kabine kam ein anderes Team. Der neue Trainer (Jens Keller) hatte die Spieler gegen das Team des langjährigen Union-Trainers (Uwe Neuhaus) besser eingestellt; sie gingen früh drauf auf Ball und Mann; der berühmte Union-Überschwang war plötzlich da, im Rausch klappte das Passspiel, wieder kreuzte der Ball vor dem entlegenen Tor, zweimal stemmte sich Collin Quaner mit seinem enormen Body in die abprallenden Bälle, und es stand 2:1 für Union. Das Spiel war gedreht. Oder wäre gedreht gewesen, wenn uns nicht der Dresdner Lambertz noch ein Murks-Tor eingeschenkt hätte, ausgerechnet jener Lambertz, den die maulfrechen Jungfans hinter uns die ganze Zeit wegen seines hohen Alters (er ist noch nicht mal 32, gilt aber trotzdem als Urgestein) und seines Spitznamens Lumpi verspottet hatten.

Nun gut. Ein Punkt ist besser als nichts. So denken wir, als wir auf die S-Bahn warten. Neben uns erklingt der Kommentar zum Spiel, gesprochen von einem weiblichen Fan. „Die ersten drei Minuten waren gut, die ersten drei. Aber dann – nichts mehr. Die Defensive kriegt den Ball nicht weg. Kommen immer zwei, drei Minuten zu spät. Dieser Schiedsrichter. Zeigt Hand an und pfeift nicht. Issen das für eener. Ich denk, ich kieck nich richtig …” Ihre Kameraden stehen ums sie herum, schlackern mit den Ohren und sagen keinen Ton. Union hat auffällig viele weibliche Fans. Die haben das Gefühl, dass sie unter Druck stehen. Und so geben sie sich fanatischer als die fanatischen Fans, ordinärer als die ordinären und fachkundiger als die fachkundigen. Das müsste alles gar nicht sein. Sie könnten doch langsam in die Materie hineinwachsen.

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