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… machst du unseren Charakter so klein

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees © Fritz-Jochen Kopka

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees
© Fritz-Jochen Kopka

Von diesen Olympischen Spielen in Rio wollte ich mich eigentlich ausschließen. Wahrscheinlich bin ich auch gedopt (Hustenbonbons), es wird da nie eine Gerechtigkeit geben. Das Vorspiel hat mir schon gereicht, da ist man schon satt, wenn es mit den Spielen selbst beginnt. Das Gastgeberland Brasilien kann einem leid tun.  Es baut Stadien, die später in der nun einmal hingestellten Dimension nicht mehr gebraucht werden und wahrscheinlich verfallen, es verbraucht Unmengen Geld, und die Einwohner, die doch ein großes friedliches Spektakel erleben und zufrieden werden sollen, denken, dass dieses Geld doch besser ihnen zukommen solle, protestieren oder verweigern sich. Und dann die große Frage: Wem kann man trauen. Sie lässt sich am besten beantworten, wenn man sie so stellt: Wem kann man nicht trauen? Den Russen natürlich. Das weiß man schon von ihren Whistleblowern. Dennoch ahnen alle, dass die Frage damit nicht geklärt ist. Wie sagte ein deutscher Sportler: Es müssten auch noch andere Nationen ausgeschlossen werden. Jawohl, können wir fortsetzen, es müssen alle ausgeschlossen werden, die besser sind als wir, damit wir auch Medaillenchancen haben. Das wurde leider nicht geleistet. Und so dauerte es ein paar Tage, bis endlich auch Deutschland im Medaillenspiegel auftauchte, den die FAZ mit konstantem Stumpfsinn „Zerrspiegel” nennt. Warum sie das tut, steht im Kleingedruckten: „Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontroll-System und der teilweise bislang nicht nachweisbaren, verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit einem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2026 zu rechnen.” Du lieber Himmel! Was soll man dazu sagen? Geht es hier um die Lottoergebnisse? Ohne Gewähr? Kann die FAZ verantwortlich gemacht werden, wenn sie den Medaillenspiegel abdruckt? Kann ein zwölfter Sieger bei ihr die Goldmedaille einklagen? Nimmt sich die Zeitung für Deutschland zu wichtig? Ja, sicher, das tat sie schon immer. Macht sie sich dabei auch lächerlich? Kommt drauf an, was für eine Art von Humor man hat. Man kann sich wundern, wie viel die FAZ zum Thema Doping druckt und wie wenig sie dabei aufklärt. Ein Interview mit der Schwimmerin Britta Steffen und ein kleiner Essay des Philosophen Slavoj Zizek, die sich allerdings auch in ihren Spalten fanden, sagen viel Konkreteres über das Problem als die jahrelange Polemik mit Schaum vorm Mund.

So lange Deutschland keine Medaille errungen hatte, befasste sich die Zeitung in ihrer Olympiaberichterstattung vorwiegend mit Dopingfragen. Am Dienstag, dem 9. 8., ganzseitig auf der Sportaufschlagseite unter der Schlagzeile „Das ekelt mich an”. Einen Tag später hatten deutsche Pferde und Kleinkaliberwaffen für die ersten Medaillen gesorgt. Da zog eine ganz andere, echt deutsche Stimmung, ein: „Der größte Reiter seiner Epoche”. Unterzeile: „Alles andere als Gold hätte wie ein Irrtum gewirkt …” (Solche Irrtümer gab’s aber einige.) Was sagen wir nun dazu? Und wieder, FAZ, machst du unseren deutschen Charakter so klein.

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