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Der hochgelobte Film

Sommerzeit. Nach dem Kino ist es noch hell

Sommerzeit. Nach dem Kino ist es noch hell

Der hochgelobte Film ist immer auch der Problemfilm. Durch die Vorschusslorbeeren sind die Erwartungen so hoch gesteckt, dass sie kaum noch erfüllt, wohl aber enttäuscht werden können. Es ist den Menschen und schon gar den Kritikern nicht gegeben, einen Film oder ein anderes Kunstwerk so zu beschreiben, dass der interessierte Zuschauer sachlich eingestimmt ist. Also, wenn du jemandem etwas empfehlen willst, nimm den Mund nicht so voll. Keine Hymne, sondern genaue Beschreibung auffälliger Details.

So kamen wir spät zu „Toni Erdmann”, das überschwängliche Lob hatte uns misstrauisch gemacht, aber jetzt war es soweit. Wir saßen im Kino „International” unter einigen Leuten, die bei jeder Andeutung eines Scherzes hysterisch auflachten, weil sie eben einfach so eingestimmt waren. Aber das normalisierte sich. Maren Ades Film mit all seinen Überlängen ist wirklich okay. Da ist der Musiklehrer Winfried Conradi oder Toni Erdmann oder Peter Simonischek mit seinem Überschuss an Einfällen, eigentlich ein schüchterner Mann von 65 Jahren, der in seinen wechselnden Masken seine Schüchternheit verliert und all seine Ideen ausleben kann, zum Leidwesen seiner Tochter Ines Conradi oder Fräulein Schnuck oder Sandra Hüller, einer Karrierefrau in schmalen Hosenanzügen oder Kostümen, die mit aller Welt telefoniert und um Millionenaufträge kämpft, kämpft wie ein Ritter. Der Vater möchte sie irgendwie locker kriegen und den einen oder anderen, meistens peinlichen, Hinweis geben, dass die Tochter falsch lebt. Das falsche Leben im reichen Leben. Peter Simonischek ist erstklassig, aber das ganz große Rad dreht Sandra Hüller, die uns – und da ist der Film viel mehr als ein Joke und wird wirklich bewegend – das Drama der eigentlich bedauernswerten Karrierefrau zeigt, die aber doch auch Tochter ihres Vater ist und in großer seelischer Not eben doch kontraproduktive Einfälle zu bieten hat und durchzieht. Meine Lieblingsszene: Wie sie als Fräulein Schnuck in einer Bukarester Großfamilie, am Klavier selbstverständlich begleitet von ihrem Vater, der sich gerade mal als deutscher Botschafter ausgibt, Greatest Love of All von Whitney Houston singt. Da haut sie alles raus, den ganzen Frust eines Lebens der Anspannung und Verstellung, die harten und die weichen Gefühle, den Mut zum Absturz und zum Aufstehen.

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