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Friedhof der Wege

Memento mori

Memento mori

Mit dem Rad durch die Wuhlheide. Renaturierung, wo früher Russenkasernen standen, Heidelandschaft jetzt, freie Flächen, am Saum niedriger Bewuchs und hoher Himmel. Vereinzelte Freizeitsportler, Jogger, Radfahrer, Skater, jeder mit seinem Pensum und seinen Muskeln beschäftigt. Wir wollen über die Straße An der Wuhlheide und ins frühere Innovations- und Industriezentrum Oberschöneweide, aber vorher fragen uns die Besser-Ortskundigen, ob wir den Waldfriedhof kennen, nee, den kennen wir (und wieso eigentlich) nicht. Da ist er schon. Ein Blumenkiosk vor dem Eingang, wie es für Friedhöfe üblich und praktisch ist. Ein Gestell mit grünen Gießkannen, auch praktisch.

Das Rathenau-Grab

Das Rathenau-Grab

Der prominenteste Tote des Waldfriedhofs Oberschöneweide ist Walther von Rathenau, der Industrielle, Publizist und Politiker, letztlich Reichsaußenminister, 1922 von nationalistischen Kräften erschossen. Katastrophen, wie es sie schon immer gab. Das Grabmal hinter einem schmiedeeisernen Gitter. Es dauert nicht lange und der Friedhof hat uns in seinen Bann gezogen. Hier drängen sich weder die Toten noch die Lebenden und auch nicht die Zeit. Zwischen den Gräbern stille, breite Wege. Und da fällt er mir ein, der Anfang eines Gedichts. „Es gibt einen Friedhof der Wege./Ist das neu?/Es gibt einen Friedhof der Wege./ Keiner weiß das?” Ich erinnere mich nicht, von wem das ist, ich weiß nur, wo es stand: „Mitternachtstrolleybus. Neue sowjetische Lyrik”, erschienen in den sechziger Jahren. Damals war das ein Kultbuch. Von den Russen hatte man das nicht erwartet. Einbruch und Aufbruch einer jungen Generation, voller Leidenschaft, Eigenwilligkeit, Kraft, Spott und Melancholie. Jewtuschenko, Wosnessenski, Roshdestwenski, Bella Achmadulina (für eine begrenzte Zeit Jewtuschenkos Frau), Novella Matwejewa, Bulat Okudshawa. Es war klar. Das große, Schwermut erfahrene Land konnte dem Elan dieser Jungen nicht folgen, aber ihn einebnen, das konnte es schon. Von unserer kleinen Gruppe bin ich der einzige, der von diesem Buch und dieser Lyrikwelle noch etwas weiß.

„Es gibt einen Friedhof der Wege …”

„Es gibt einen Friedhof der Wege …”

Inzwischen sitzen wir am Strand der Spree, im Kranhaus-Café, auf dem quadratischen, rekonstruierten Turmhaus steht tatsächlich ein Kran. Es ist im Gebiet der Edison-, Siemens-, Kepler-, Rathenau- und Wattstraßen, Innovation, industrieller Aufbruch, grenzenloser Optimismus, Stagnation und Rückbau nach der Wende. Jetzt haben die Stadtentwickler zu tun. Der Fluss gehört wieder den Leuten. Und den Booten. Riesige Kästen ziehen und kleine Schnellboote rasen vorbei. Die großen Kähne sehen mächtig nach Eigenbau aus. Auf dem Deck tanzen halbnackte selbstverliebte Selbstdarsteller.

Das andere Ufer der Spree

Das andere Ufer der Spree

Zu Hause suche ich die Anthologie. Fritz Mierau hat das Buch 1965 herausgegeben. Das Gedicht vom Friedhof der Wege stammt von Robert Roshdestwenski: „Wege, furchtbar und lang,/Hoffnungen, regenbogenferne,/ vergessen, verschüttet, begraben …” Und dann Bulat Okudshawa: „Was tu ich in Moskau, wenn ich traurig bin,/ wenn Verzweiflung mir nachrennt im Dunkel?/ Ich geh durch den Regen zum Trolleybus hin,/ dem letzten, dem blauen. ” Von seinem Gedicht hatte das Buch den Namen: Mitternachtstrolleybus.

Was vom Tagwerk übrigblieb

Was vom Tagwerk übrigblieb

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