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Keine Zeit für Wunderkinder

Kein Wunderkind, aber happy – auch noch ein Bild vom Russenfest in Karlshorst © Fritz-Jochen Kopka

Kein Wunderkind, aber happy – auch noch ein Bild vom Russenfest in Karlshorst
© Fritz-Jochen Kopka

Also dann. Ich komme auf Cristiano Ronaldo zurück. Portugal – Österreich, wir hatten 2:1 getippt und gemeint, dass wir die Ösis damit eigentlich überbewerten, aber es war ja klar, dass sie sich wehren mussten mit allen Kräften. Mehr und mehr stellte sich heraus, dass hier Österreich gegen Cristiano Ronaldo spielte und dass dem Wunderkind das Glück wieder nicht hold sein würde. Jeder weiß, was Cristiano Ronaldo kann, jeder weiß, wie schnell er ist, wie hoch er springt, wie scharf und beidbeinig er schießt. Die Abwehrspieler haben auf unzähligen Videos seine Tricks und Videos studiert. Vier Mann sind eingeteilt, die sich um ihn kümmern, spätestens am vierten wird er sich festrennen.

In meinem Umfeld stehe ich mit meiner Fürsorge für Cristiano Ronaldo ziemlich allein da. Who care’s. Ich bin kein Mann des Mainstreams. Auch in dieser Beziehung stehe ich ziemlich allein da. Meine Töchter bedenken mich mit rücksichtsvoller Ironie. Verheugen sagt, Cristiano Ronaldo habe das Gesicht einer Puppe. Nein, sage ich, Hillary Clinton hat das Gesicht einer Puppe. Und Donald Trump hat das Gesicht einer misslungenen Puppe. Andrea sagt, Cristiano Ronaldo sieht aus wie eine Gestalt aus den Goldenen Zwanzigern. Dagegen hab ich erstmal nichts. Bisschen schmierig, sagt sie. Na ja, wie ein Gigolo, versuche ich das wieder grade zu rücken.

Mehr und wird das Spiel zu einem Duell Cristiano Ronaldo gegen Robert Almer, den österreichischen Torwart, der sich bei Energie Cottbus in der zweiten deutschen Liga nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Aber hier, um die Aura des Wunderkinds zu zerstören, wird er zum Übermenschen. Er hält eine Granate von Ronaldo von halb rechts, die eigentlich unhaltbar ist. Ronaldo steigt einen Meter höher als seine Gegenspieler und wuchtet den Ball mit dem Kopf aufs Tor. Almer hat den Arm dran. Ronaldo holt einen Elfmeter raus. Den wird er wahrscheinlich versemmeln, sage ich, der ich die Dramaturgie des Spiels und die Tragik, die Wunderkinder begleitet, begriffen habe. Ronaldo schickt Almer in die falsche Ecke und wuchtet den Ball an den Pfosten. Schließlich macht er das Tor dann doch mit dem Kopf. Ist aber abseits. Er hätte nur rechtzeitig zwei Schritte zurückgehen müssen. Portugal – Österreich 0:0. Cristiano Ronaldos Gesicht sprach Bände. Was war größer? Die Enttäuschung, die Verwunderung, die Fragen, die er sich nicht beantworten konnte? Das Wunderkind, dem die Saiten rissen. Es ist keine Zeit für Wunderkinder. Die Masters of Defense entzaubern sie. Die Wunderkinder bleiben zwei Meter unterhalb ihres Ruhms.

Und dann. Ein Flitzer kommt aufs Feld. Die Ordner verfolgen ihn, aber er erreicht sein Ziel. Cristiano Ronaldo. Möchte ein Selfie mit ihm schießen. Bekommt in der Aufregung sein Smartphone nicht in Gang. Die Ordner greifen zu. Ronaldo gebietet ihnen Einhalt. Legt die Hand auf die Schulter des verzweifelten Fans. Der Hochmütige, Verwöhnte, Eitle hat gerade mal wieder Demut gelernt. Und das Foto gelingt.

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