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Expertentum

Auch ’ne Abwehrkette – beim Russenfest in Berlin-Karlshorst © Fritz-Jochen Kopka

Auch ’ne Abwehrkette – beim Russenfest in Berlin-Karlshorst
© Fritz-Jochen Kopka

Bei Hans im Glück jammerten vor Spielbeginn ein paar übriggebliebene Vuvuzelas, als ahnten sie schon, wie das Spiel verlaufen würde. Kurz und gut. Wir hatten Glück, dass der Pole Milik den Ball zweimal in aussichtsreicher Position verpasste. Die Polen scheiterten nicht (wie die Ukraine) an Manuel Neuer, sondern am Pech ihrer Torjäger. Und: Unsere Offensive funktioniert nicht. Müller, Götze, Özil, Draxler, da läuft wenig zusammen, es geht zu langsam, gibt keine Ideen.

Und nun zu den Experten. Nur in Bezug auf das Wetter gibt es sonst noch so viele Experten wie beim Fußball. Und neben den Jedermann-Experten, die hinterher immer alles schon vorher gewusst haben wollen, existieren die professionellen Experten, ehemalige Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Sportjournalisten. Die kriegen das bezahlt, dass sie es letztlich auch nicht besser wissen und meistens falsch liegen. Vor der Europameisterschaft rümpften sie die Nase über das aufgeblähte Turnier, 24 Mannschaften statt 16 wie sonst, 51 Spiele statt 31, das hieß doch, dass der Kreis der Erlauchten aufgeweicht wurde durch viel Mittel- und Untermaß. Und am schlimmsten: Vier der sechs Gruppendritten erreichen noch das Achtelfinale; das heißt die Vorletzten ihrer Gruppe, man stelle sich vor. Und dann begann das Turnier. Frankreich quälte sich gegen Rumänien und Albanien zu Last-Minute-Siegen, Deutschland, also wir, konnte von Glück reden, dass die Ukraine ihre Chancen vermasselte, Spanien musste lange anrennen, um ein Tor gegen Tschechien zu erzielen, Portugal mit Superstar Cristiano Ronaldo biss sich an den kantigen Isländern die Zähne aus (1:1), und das euphorisierte Österreich unterlag gar 0:2 gegen Ungarn. Ganz davon abgesehen, dass im Spiel Tradition gegen Innovation die von den Experten längst abgeschriebenen Italiener die hochbegabten Belgier besiegten.

Was ist da los? Auch wenn du keine hochbegabten Einzelspieler im Team hast, kannst du als Trainer deinen Kickern beibringen, gut zu verteidigen. Du baust zwei Viererketten vor dem Tor auf und doppelst die anstürmenden Superstars. Da erstarrt keiner mehr in Ehrfurcht vor den Welt- und Europameistern, im Gegenteil, je größer der Ruhm der Gegner, desto inbrünstiger werden die Abwehrschlachten geschlagen, werden die Flanken aus dem Strafraum geköpft, wirft sich immer noch einer in den Schuss der Ronaldos oder Girouds, sie sind Masters of Defense und entzaubern die Kreativität.

Man könnte von einer Krise des Fußballs sprechen. Der schöne, schnelle, ideenreiche Fußball zerbricht an den einfachen, grundsoliden Abwehrblöcken. Das kann auf Dauer echt stupide werden. Und hatten wir das nicht schon mal? Ich erinnere mich, wie wir seinerzeit Spiel für Spiel die Niederlagen Griechenlands getippt haben, so lange, bis sie schließlich Europameister waren; aber danach kam eben die Epoche der Spanier. Der Fußball muss durch dieses Nadelöhr hindurch.

Unterdessen arbeiten sich die Experten etwa an Cristiano Ronaldo ab. Angeblich hätten ihm die Isländer gründlich die Laune verdorben, er habe Gift und Galle gespuckt. Auch das ist nicht wahr. Nachdem er am Anfang einige Male wegen des harten Einsteigens der Isländer reklamierte, hatte er bald die Dramaturgie des Spiels (und was der Fußballgott da vorhatte) begriffen und lächelte. Da war Ironie dabei, Selbstironie und Allgemeinironie, Enttäuschung, Verwunderung, dass das Spiel seiner Portugiesen nicht zum Laufen kam und die Isländer immer noch eine Antwort wussten. Es war das ungläubige Lächeln eines Kindes.

Wieviel Eitelkeit man ihm auch immer vorwerfen mag – mir egal. Ich habe nichts gegen solche Kinder.

 

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