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Nachbarschaft hoch angebunden

Unter der Weltzeit, neben der Weltzeit und um sie herum – man kann hier im Regen stehen, muss aber nicht © Fritz-Jochen Kopka

Unter der Weltzeit, neben der Weltzeit und um sie herum – man kann hier im Regen stehen, muss aber nicht
© Fritz-Jochen Kopka

„Kann ich nur drüber lächeln.” Jerome Boateng ist offenkundig klüger als die gesamte einheimische Medienmacht, die aus dem Nachbar-Satz des AfD-Politikers Alexander Gauland ein Spitzen- und Dauerthema macht. Die FAS hat die Äußerung über Boateng unter die Massen gebracht. „Die Leute finden ihn als Fußballer gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.” Dazu gibt es kein Interview, keinen Kontext, die FAS erzählt dann nur, dass die wirklichen Nachbarn „im gediegenen Münchner Stadtteil Grünwald” ihren Nachbarn Boateng okay, normal und cool finden. In Potsdam, wo Gauland wohnt, würden die Leute lieber Boateng als Nachbarn haben, das liefert die Berliner Zeitung eilig nach.

Es kommt mir so vor, als hätten die FAS-Leute die Sprache auf Boateng gebracht, denn Gauland kann mit dem Münchner Innenverteidiger nicht viel anfangen, vielleicht verwechselt er ihn gar mit seinem Halbbruder Kevin-Prince Boateng; es kommt mir so vor, als sei da eine Falle aufgestellt worden, der brave Gauland tappte hinein, und die FAS (und mit ihr der ganze Medienzirkus) hatte ihre Sensation. Es ist auch ganz sicher so, dass Gauland so wenig wie du und ich darüber befinde sollte, wer wen zum Nachbarn haben möchte, das ist halt nur so ein Gefühl; und es steht jedem frei, unüberlegtes Zeug zu reden, dafür haben wir ja unsere Demokratie.

Wir erinnern uns aber daran, wie oft die Medien sich darüber beklagen, dass es keine spontanen, ausgefallenen, innovativen, eigenständigen Äußerungen von Politikern gibt, nur eben diese Parteistandards, das ganze verdammte langweilige politisch korrekte Zeug. Aber wenn dann jemand mal ein kleines Stück eigenen Weges geht und dabei daneben latscht, dann benehmen wir uns so wie dieser Erdogan. Wir möchten dann plötzlich, dass alle so reden wie Volker Kauder und die anderen ermüdenden Parteisoldaten. Nebenbei gesagt ist Nachbarschaft auch ohne Alexander Gauland und die FAS und die Medienmacht ein ziemlich spezielles Thema, je näher die Nachbarschaft ist, desto spezieller. Wir müssen aber die Nachbarn so nehmen, wie sie kommen, und das tun wir auch. Ich würde ganz gern neben einer Type von Borussia Dortmund wohnen, aber deshalb wird keiner von denen nach Berlin ziehen. Lebe ich also neben diesen wackeren Rentnern und den jungen Ehepaaren, den freundlichen Vietnamesen und den sportlichen Afrikanern und kann über all das lächeln wie Jerome Boateng. Es ist immer gut, wenn man als Nachbar tolerant ist und wenn man tolerante Nachbarn hat. Das ist in meinem Fall der Fall.

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