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Die Zukunft rollt am Hbf

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rollen sie immer noch © Fritz-Jochen Kopka

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rollen sie immer noch
© Fritz-Jochen Kopka

Am Beginn einer Reise steht der Hauptbahnhof, er stimmt dich ein, das Reisefieber, vielleicht zwei bis drei Zehntel Grad, setzt ein. Der neue Hauptbahnhof in Berlin wird in diesen Tagen zehn Jahre alt, wir haben uns an ihn gewöhnt, wir haben gelernt, uns in seine Weiten zu orientieren, vor Abfahrt des Zuges eine Zeitung zu kaufen und eine Flasche Wasser, was ich sagen würde, wenn ich ihn loben sollte, wäre, dass er eine gewisse Entzerrung hervorgebracht hat. Dieses Gedränge und Geschubse, das wir mit Bahnhöfen immer verbanden, die überfüllten Bahnsteige, der Kampf um Plätze, die bedrängende Enge, all das gibt es zum Glück nicht mehr, ist aber in unserem Unter- oder Unbewussten noch abgespeichert und macht uns unruhig, auch wenn kein realer Anlass dafür mehr vorhanden ist. Der Hauptbahnhof hat, zehn Jahre nach seiner Eröffnung, etwas Kathedralenhaftes. Man könnte Choräle und gregorianische Gesänge einspielen. Ich würde mitsingen. Der reisende Mensch ist mehr Individuum als gewöhnlich, selbst wenn er in der Gruppe unterwegs ist. Man hat sein Gepäck und sein Schicksal dabei, auf Reisen ist einem das stärker bewusst als zu Hause, also diese Anwesenheit des Schicksals.

Allein unterwegs mit deinem Fahrrad, deinem Helm und deinem Schicksal

Allein unterwegs mit deinem Fahrrad, deinem Helm und deinem Schicksal

An einem Sonnabend im Mai beschäftigen mich in der riesigen Halle die Rolltreppen. Dieses maschinelle Gleiten von A nach B. Der Mensch steht still, und er bewegt sich doch. Wird dabei natürlich nicht schlanker. Das Auf und Ab mit den Rolltreppen ist für mich ein starker Verweis auf Zukunft. Immer mehr werden wir bewegt werden, immer weniger werden wir uns selbst bewegen. Die Rolle der Maschinen wird immer mehr zur Hauptrolle, und wir verschwinden fast in unseren Nebenrollen. Die einen fahren rauf, die anderen fahren runter. Das bedeutet gar nichts, es hat eben nur so eine symbolische Anmutung. Auf der anderen Seite macht sich eine Zwangsvorstellung breit: Dieselben Reisenden fahren rauf und runter, ohne je anzukommen, Sisyphos rollt den Stein.

Wir wissen von Rolltreppen, dass sie oft defekt sind und ausfallen. Am Hauptbahnhof habe ich das noch nicht erlebt. Da verrichten sie ihr Geschäft mit bewundernswertem Gleichmut. Dem Gleichmut der Maschinen könnten wir in der Zukunft unsere Spontanität entgegensetzen.

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