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Das ist Provinz

Wenn ich die Weiden über dem Nebel-River sehe, weiß ich, das ich zu Hause bin @ Fritz-Jochen Kopka

Wenn ich die Weiden über dem Nebel-River sehe, weiß ich, das ich zu Hause bin
@ Fritz-Jochen Kopka

In der Pfarrkirche zu Güstrow ringt ein Mann um Fassung. Er wollte seiner Gefährtin den Schwebenden Engel von Barlach zeigen. Der hängt aber im Dom, und der Dom sperrt am Sonnabend um 16 Uhr zu. Sind Sie nicht Friedel Drautzburg, sage ich. Ja, sagt der Mann, schon fast versöhnt, woher kennen wir uns? Ich habe mal für die „Woche” ein Porträt über Sie und Ihre Ständige Vertretung geschrieben. Ja, ruft er, das war der beste Artikel. Wunderbar.

Damals ging es um den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin. Drautzburg hatte in Bonn die Schumannklause, wo sich die politische Klasse mit Künstlern und Journalisten traf. Er war gegen den Umzug und kämpfte an vorderster Front. Als die Entscheidung gegen Bonn gefallen war, eilte er der Regierung voraus und etablierte im ehemaligen Wein-ABC am Schiffbauerdamm die „Ständige Vertretung”, kurz StäV, rheinische Gastlichkeit mit Kölsch an der Spree. „Wenn Friedel Drautzburg auf der Bildfläche erscheint, gibt sich die Zeit einen Ruck und tickt schneller… Jeder Satz ist gekonnt übertrieben, es findet sich immer ein Grund, aufgebracht zu sein.” Es waren wahrscheinlich solche Formulierungen, die dem Wirt gefielen. Aber der Höhepunkt waren denn doch seine Sätze, etwa die Ode auf das Kölsch: “Sie können trinken und trinken, dat wird nicht bitter im Hals. Sie müssen’s auch sofort wegtragen, es ist der gesündeste Nierenspüler. Das wird in Köln von den Urologen verschrieben. Es macht nicht dumpf und schwer, ich habe ja noch im Leben keinen Betrunkenen im Laden gehabt.”

Vor dem Altar in der Pfarrkirche. der Schwebende Engel hängt aber im verschlossenen Dom

Vor dem Altar in der Pfarrkirche. Der Schwebende Engel hängt aber im verschlossenen Dom

So. Und nun stand Drautzburg in Güstrow, wollte den berühmten Schwebenden Engel sehen und zeigen, und es war zugesperrt. „Das ist Provinz”, sagte er anklagend, aber das machte auch nichts besser.

Klar. Es ist Provinz. Alles geht langsamer, und der Kellner im Ratskeller tut so, als wäre ich Luft. Das kann er sehr gut. Ich habe mich nicht bei ihm angemeldet und gefragt, ob ich mich niedersetzen darf. Gehe ich eben ins Restaurant zur Post, wo eine Hochzeitsgesellschaft mit einer imposanten Braut tafelt und ein älteres Paar mit Engelszungen versucht, seinem elfenhaften Enkel das Essen schmackhaft zu machen. Der Mecklenburger nimmt es im Ganzen nicht so genau, aber beim Essen legt er Wert darauf, mäklig zu sein.

Wir haben wieder mal ein Altschülertreffen. Den Schlossberg hinauf, den ich hinuntergehe, kommt mir das Mädchen entgegen, mit dem ich das letzte Mal zum Abiball gesprochen habe, vor über fünfzig Jahren. Ist immer noch eine handfeste ländliche Schönheit, die unerschrocken mit hohen Absätzen durch die unebene Stadt stöckelt. Sie hat die Mitschüler am vereinbarten Ort nicht angetroffen. Mit meiner Hilfe schafft sie es nun doch.

Der Sxhlossgarten.Die Geometrie ist ja mustergültig, aber wir würden uns wünschen, dass die Pflanzen auch wachsen

Der Schlossgarten. Die Geometrie ist ja mustergültig, aber wir würden uns schon wünschen, dass die Pflanzen auch wachsen.

Wir altern alle, aber altern doch auch auf unterschiedliche Weisen. Die Großen sind hagere Typen geworden, die Kleinen rundliche. Wir haben einen Amerikaner dabei, dem die kalifornische Sonne die Haut gegerbt hat. Er sieht aus wie Clint Eastwood in Gran Torino und fährt ein Elektroauto. Auch zwei Russen sind unter uns, Jungs, die in der Sowjetunion studiert und russische Frauen geheiratet haben. Der Schwiegervater sagte: Hab ich mich bis Berlin durchgekämpft, damit meine Tochter jetzt einen Deutschen heiratet?! Und später, vermute ich, sagte er versöhnlich über den Schwiegersohn: Er ist zwar ein Deutscher, aber er fühlt wie ein Russe. Von Schicksalsschlägen und Wundern kann wie immer berichtet werden. Leute, die abgesagt haben, weil die Beine den Dienst versagen. Und Leute, die nicht mehr gehen und sprechen konnten und plötzlich wieder gehen und sprechen können. Ärztliche Kunst und Willenskraft. Lebenslustige Witwen, denen der Mann gestorben ist und seine Frau wohlversorgt wusste mit seiner Leibrente, aber die war eben an diese eine Person gebunden und verfiel mit dem Ableben, 200 000 €, gone with the wind. Fachgespräche über Hörgeräte, die im Konzert und im Dialog wunderbar funktionieren, aber das Gruppengespräch wie eben jetzt ist die Hölle. Selektives Hören bringen diese Geräte nicht zustande, so teuer sie auch sein mögen, und sie sind teuer, es sei denn, man ist Beamter, dann zahlt man nur einen Bruchteil.

Fortsetzung morgen

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