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Als ich Russe war

Bemerkenswert, wie groß das Wort Poem und wie klein die toten Seelen auf dem Originaltitel erscheinen

Bemerkenswert, wie groß das Wort Poem und wie klein die toten Seelen und der Autorenname auf dem Originaltitel erscheinen

… Quatsch, ich war kein Russe. Ich habe nur vor einiger Zeit (gar nicht so lange her) unentwegt (was man so unentwegt nennt beim Lesen) russische Klassiker gelesen. Erzählungen von Turgenjew, von Tschechow, Oblomow von Gontscharow. Die toten Seelen von Gogol. Ein Held unserer Zeit von Lermontow … Das ist natürlich Teil eines Nachholprogramms, dem man sich in meinem Alter unterzieht oder zu unterziehen beabsichtigt. Es ist nicht nur selbstauferlegte Pflicht und schlechtes Gewissen; es kann Lust und Gewinn bedeuten und irrationale Hürden beseitigen.

Einen Roman, der „Die toten Seelen” heißt …, also an dem geht man leicht vorbei wegen der Finsternis, die der Titel zu versprechen scheint. Oder weil man in der Schule auf die Bedeutung hingewiesen, weil er zur Pflichtlektüre erhoben wird.

Ein Kopf mit hohem Wiedererkennungsfaktor

Ein Kopf mit hohem Wiedererkennungsfaktor

Gogol entstammte dem ukrainischen Kleinadel und war ein russischer Schriftsteller. Was sagt uns das? Zumindest historisch kann man Russland und die Ukraine schwerlich auseinanderhalten. „Gebürtiger Ukrainer, schrieb nur in russischer Sprache”, einfacher geht es nicht. In seinen ersten Texten erzählte er aus der ukrainischen Provinz, in späteren fixierte er das Leben in russischen Großstädten, St. Petersburg und Moskau. In den toten Seelen aber geht er über die Dörfer, richtiger gesagt über die Landgüter, unerheblich, ob es russische oder ukrainische sind. Tschitschikow, der absurde Held, ein abgesägter Kollegienrat, fährt von Gut zu Gut, um den Gutbesitzern ihre toten Seelen abzuschwatzen, das heißt, jene Leibeigenen, die unlängst verstorben sind, für die aber bis zur nächsten Revision noch Steuern zu zahlen sind. Tschitschikow will diese imaginären Arbeitskräfte bei den Banken als Sicherheit für Darlehen verpfänden und so zu Reichtum gelangen; er ist mithin ein ziemlich moderner Halunke, der die Lücken im Finanzsystem für seine Zwecke nutzt.

Vielleicht hat nicht Robert Musil, sondern schon Nikolai Gogol den Mann ohne Eigenschaften erfunden, denn so führt er seinen Tschitschikow ein: „In der Kalesche saß ein Herr, nicht schön, aber auch nicht von hässlichem Äußeren, nicht zu dick und auch wieder nicht zu dünn; man konnte nicht behaupten, dass er alt, aber auch wiederum nicht, dass er sehr jung war.” Er ist sogar ein Mann ohne Merkmale, aber einer mit Auffälligkeiten. „In seinem Benehmen hatte der Herr etwas Solides, und die Nase putzte er sich ungeheuer laut. Ich weiß nicht, wie er das fertigbrachte, doch seine Nase schmetterte dabei wie eine Trompete.” Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow reist, wie er auf ein Stück Papier kritzelt, „in eigener Angelegenheit”.

Mit Gogol, schrieb Thomas Mann, sei die Komik in die russische Literatur gekommen, „statt der Poesie der Kritizismus, statt der Naivität die religiöse Problematik und statt der Heiterkeit die Komik … Seit Gogol ist die russische Literatur komisch – komisch aus Realismus, aus Leid und Mitleid, aus tiefster Menschlichkeit, aus satirischer Verzweiflung, auch aus einfacher Lebensfrische … Was ist es denn aber, was der russischen Komik diese menschlich gewinnenden Kräfte verleiht? Dies, ohne Zweifel, dass sie religiöser Herkunft ist … ›Mein ganzes Streben‹, sagt er (Gogol) in einem Brief, ›geht dahin, dass jedermann, der meine Werke gelesen hat, nach Herzenslust über den Teufel lachen kann.‹ ›Den Teufel zum Narren machen‹ – das ist der mystische Sinn der russischen Komik, und ›Herzenslust‹ ist in der Tat die exakte Bezeichnung ihrer Wirkungen.” (Thomas Mann, Aufsätze, Reden, Essays, Band 3)

Tschitschikows Land- und Einkaufsfahrten konfrontieren ihn (und uns) mit einem aufschlussreichen und amüsanten Panoptikum russischer Gestalten, vor allem Gutsbesitzer, slawophil oder westlich, apathisch oder mobil, kleinlaut oder großkotzig.

Im Rückblick auf seine Jugend beklagte Gogol sich über unbegabte Lehrer, über „die große Nachlässigkeit im Unterricht”, „nie hatte ich andere Wegweiser als mich selbst”.

Offenbar war der Dichter mit einer scharfen und kritischen Beobachtungsgabe so gesegnet wie gestraft. Ihm fielen Details ins Auge, die anderen nicht auffielen, und sie wurden so übermächtig, dass sie ihn nachhaltig nervten. Die Literatur konnte ihm ein Mittel sein, seinen Frust zu sublimieren. Die Gestalten, die nun in seinem Roman, den er übrigens Poem nannte, auftauchen, nerven uns nicht mehr, sie kommen uns irgendwie surreal vor, oft gerade, weil ein illustres Detail beherrschend wird. Die Frage ist schon, ob man diese Gestalten überhaupt ernstnehmen kann. Zu unserer Verwunderung kann und muss man das.

Wie Dante in der Göttlichen Komödie wollte Gogol ein dreiteiliges Werk vorlegen, in dessen ersten Teil es vor negativen Figuren wimmelt. Reue und Läuterung sollte im zweiten und dritten Teil folgen. Das war, wie man sich denken kann, ein naiver Plan. Gogol ist am Positiven oder besser an seiner Darstellung gescheitert und verzweifelt. Nur vorrübergehend ist es ihm gelungen, „den Teufel zum Narren machen”.

Er starb am 4. März 1852 „infolge von Verweigerung der Nahrungsaufnahme”. Für die russische Literatur war das ein schwarzer Tag.

  1. April 21, 2016 um 3:45 pm

    Danke für diesen tollen Abriss der Biograie von Gogol. Ich lese Gogol auch sehr gern.

  2. April 21, 2016 um 4:01 pm

    Ja, der arme Gogol, der so komisch sein konnte. Bei mir wird’s jetzt weitergehen mit deinen Erzählungen.

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