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Das triebhafte Wesen

Ein Fisch, wer gar nichts dabei empfindet © Christian Brachwitz

Ein Fisch, wer gar nichts dabei empfindet
© Christian Brachwitz

Das ist eine Collage zu einer Lulu-Inszenierung irgendwann und irgendwo. Wobei: Ein Stück, das Lulu heißt, gibt es ja nicht. Frank Wedekind schrieb „Der Erdgeist” und „Die Büchse der Pandora” um das triebhafte Wesen, das da Lulu heißt und aller Männer Unglück bedeutet; und nach Wedekinds Vorlagen komponierte Alban Berg die Oper „Lulu”. Wedekind, so lese ich, kämpfte für die Emanzipation des Fleisches, „das Fleisch hat seinen eigenen Geist”, „ist sich freilich auch der in dieser Forderung ruhenden Gefahr bewusst” (Hermann Glaser). Oder anders, aber eben nicht viel anders: „Wedekind sah das Triebhafte, nicht das Soziale als entscheidend für den Menschen an” (Deutsches Schriftstellerlexikon 1963). Wie auch immer. An dieses teuflische Fleisch, an die Frau, der kein Mann, nicht mal der Schwule, widerstehen kann, glauben wir heute nicht mehr. Das hängt vielleicht mit dem Wegfall der Tabus zusammen. Wo kein Tabu mehr waltet, da ist dann auch die Luft raus. Sexszenen in Filmen oder gar auf der Bühne empfindet man heute als lästig, lächerlich oder dilettantisch. Was aber an Brachwitz’ Collage auffällt, ist, dass die Betttücher silbern-seidige Wellen schlagen und demnach die Liebe (oder das Begehren) weitläufig wie das Meer ist, so dass auch der rote Fisch zur Szenerie gehört: Er schaut dem Strudel der Triebe zu. Sein Fischblut bringt das nicht in Wallung. Trotzdem noch ein Satz aus Gero von Wilperts „Lexikon der Weltliteratur”: „Nach dem allmählichen Verlust ihrer erotischen Ausstrahlung ist Lulus Anziehungskraft auf die Männer gebrochen, und das männermordende Prachtweib mit der Kindereinfalt des Lasters fällt der Rache der Männerwelt anheim.” Da haben es die unermordeten Männer gut. Sie müssen sich nicht rächen.

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